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Dem Hitler-Attentäter vom 20. Juni 1944 war ein Theaterstück im Hermann-Josef Kolleg gewidmet

Steinfeld. Ist ein Attentäter immer ein Held? Darf man auf der Theaterbühne das Hakenkreuz zeigen? Solche und ähnliche Fragen stellten die Schüler und Schülerinnen der 10. Klasse und der Qualifizierungsstufen I und II am Hermann-Josef Kolleg den Akteuren des Leipziger Kulturschule-Theaters nach der Aufführung eines Stückes über den Hitler-Attentäter Claus Schenck Graf von Stauffenberg in der Schulaula.

Dort hatten Daniela und Günther Frese gerade das 50-minütige Ein-Personenstück „Stauffenberg“ gezeigt, in dem sie den wohl bekanntesten der nachweislich 39 Attentäter auf Adolf Hitler vorstellten. Stauffenberg ist heute ein anerkannter Held, doch der wurde er erst seit den 1970er Jahren. So zumindest Daniela Frese gegenüber den Schülern. Sie spielte in der Eigenproduktion des Duos, die die beiden schon an mehr als 300 Schulen in Deutschland gezeigt haben, die Erzählerin und machte die Zeitsprünge des Geschehens auf der Bühne nachvollziehbar.

Hier interpretierte Günther Frese Stauffenberg zunächst als „Karrieristen im Militär“ (Daniela Frese), der wie alle anderen Soldaten der Wehrmacht nach 1933, dem Jahr der „Machtergreifung“ der NSDAP und der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg, seinen Eid auf die Wehrmacht und den Diktator abgelegt hatte. Stauffenberg bezeichnete die Demokratie in dieser Zeit als „unnötig“, ein elitäres Standesdenken war ihm als hoch dekorierten Mitglied der Offizierskaste nicht fremd.

Der Widerständler wurde von Stauffenberg offenbar erst nach seiner schweren Kriegsverletzung 1943 in Afrika, angesichts der Kriegsgräuel der Wehrmacht, zudem der zunehmenden Sinnlosigkeit des Krieges nach der Niederlage in Stalingrad und der Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944. Aus dieser Zeit stammt eine bekannte Aussage des Offiziers, die seinen Gewissenskonflikt beschreibt und die Entscheidung zum Attentat begründet. Schauspieler Günther Frese zitierte sie:

„Derjenige, der etwas zu tun wagt, wird wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen. Ich könnte den Frauen und Kindern der Gefallenen nicht in die Augen sehen, wenn ich nicht alles täte, dieses sinnlose Menschenopfer zu verhindern.“

Das Attentat am 20. Juli 1944 scheiterte aus mehreren Gründen. So hatte Stauffenberg nur eines von geplanten zwei Sprengstoffpaketen scharf gestellt. Die Sprengstoffladung und der Zeitzünder waren in seiner Aktentasche deponiert, die kurz vor der Explosion einige Meter von Hitler entfernt verschoben wurde. Der Ort des Attentats in der „Wolfsschanze“ war zudem nicht wie gewohnt eine Bunkeranlage, was die Wirkung der Explosion verstärkt hätte, sondern eine offene Baracke.

Stauffenberg verlies unter einem Vorwand vor dem Zünden der Bombe den Ort und begab sich auf den Rückflug nach Berlin, wo er die „Operation Walküre“, den Umsturz mittels einer geheimen Reservearmee und entsprechenden Befehlen an alle Wehrmachtverbände im Reichsgebiet, leiten sollte. Doch bis er in Berlin gelandet war, hatte sich Hitlers Überleben schon bei den Sicherheitsbehörden der NSDAP herumgesprochen, der Umsturzversuch scheiterte. Noch am Ende des Tages wurden Stauffenberg und einige der Mitverschwörer im Innenhof des Bendlerblocks in Berlin standrechtlich erschossen.

Die wichtigsten dieser historischen Fakten hatten zumindest einige der Klassen schon vor der Theateraufführung im vorbereitenden Geschichtsunterricht kennengelernt. In der an die Theateraufführung anschließenden Diskussion interessierte sie daher anderes. Warum man etwa auf der Bühne die Hakenkreuzfahne zeigen dürfe, was sonst verboten ist? Weil eine Theateraufführung keine öffentliche Veranstaltung, zudem von der Kunstfreiheit geschützt sei, so Daniela Frese.

Günther Frese ergänzte, was er aus der Erfahrung zahlreicher Aufführungen von „Stauffenberg“ andernorts weiß: „Wir könnten natürlich darauf verzichten. Aber die Hakenkreuzfahne löst Grusel und Angst aus.“ Im theaterpädagogischen Kontext ist das durchaus willkommen.

 

Text und Foto: Stefan Lieser