Steinfelder Spezialitäten: Die Westwerktür - Gottes Erlösung der Schöpfung

Die wuchtige, burgmauerähnliche Westwerkaußenwand der Basilika Steinfeld hatte ursprünglich drei recht kleine Eingänge, symmetrisch auf die gedanklichen Achsen von Hauptschiff und Seitenschiffen verteilt. Nicht zuletzt angesichts der Witterungsanfälligkeit der Westseite wurden zwei dieser Eingänge im 17. Jh. geschlossen und einer davon an die Südseite des Südturms verlegt, wie wir es heute kennen.

So wurde die mittlere Türöffnung zur einzigen auf der Westwand, mit der leicht versetzten Rosette darüber ein Blickfang zwar in ihrer romanischen Schlichtheit, aber lange Zeit ohne zusätzlichen Schmuck und überdies auch noch selten genutzt.

Erst 1992 erfuhr dieser Eingang eine künstlerische Ausgestaltung durch einen aus Bronze gegossenen Vorsatz, gestaltet von dem Bonner Künstler Helmut Moos (1931-2017). Bedingt durch Witterungseinflüsse und die Materialeigenart des Kunstwerks ist der Betrachter gezwungen, sehr nahe heranzutreten, will er die kompositorischen Details genau erkennen.

„Liest“ man das Dargestellte von unten nach oben, so sieht man zunächst zwei Menschen, eine Frau und einen Mann, umgeben von reicher Vegetation. Sie umstehen einen Baum, die Frau hält dem Mann eine Frucht dieses Baumes hin, die dieser zu ergreifen sich anschickt: Adam und Eva im Paradies, die Szene des Sündenfalls.

Weiter nach oben hin erfährt die vegetative Fülle eine jähe Unterbrechung. Auf dem so entstehenden, fast leeren Bildfeld sieht der Betrachter die Kreuzigungsszene. Anstelle der lebendigen Stämme und Äste ist das tote Holz des Kreuzes übriggeblieben mit dem daran hängenden leblosen Körper Jesu.

Darüber jedoch beginnt das Wachstum der Vegetation mit neuer Kraft: Jesus ist der Christus, der Heiland, der Erlöser, der Überwinder des Todes und der Spender neuen Lebens.

Seine gottgegebene Freiheit hat den Menschen in Verstrickung und Sünde, zum Verlust von Leben und Liebe (Paradies) geführt, aus dem nur die Selbsthingabe des Gottessohnes ihn erlösend herausführen kann.

Ein wichtiges Detail ist erkennbar am oberen Rand des Kunstwerks: Hände, die rechte davon besonders deutlich sichtbar, scheinen die beschriebenen Darstellungen wie auf einem sanft gewellten Tuch, einer Art Vorhang oder Teppich dem Betrachter entgegen zu halten. Die Proportionen der Hände und der Faltenwurf dieses „Vorhangs“ in seinem Verlauf erinnern an eine leicht überlebensgroße menschenähnliche Gestalt: Ist dies ein Hinweis auf Gott den Vater, der den Menschen „nach seinem Ebenbild“ schuf und ihm zur Rettung seinen „Eingeborenen“ gesandt hat?

Gott lässt sich im Bild niemals „darstellen“ und damit „erfassen“. Aber in seiner Selbstoffenbarung, seiner „revelatio“, seiner „Selbstenthüllung“ wird er in seinem Sohn, seinem Wort und seinem Wirken teilweise für uns erkennbar, aber niemals ganz. Denn er ist der Unendliche, Unfassbare, Unbegreifbare, den niemand „besitzt“, kein Mensch und keine Institution.

Text: Helmut J. Kirfel; Fotos: GdG Steinfeld