Judith Stapf und Marco Sanna reißen das dankbare Publikum mit

Steinfeld. Eine lange Zeit der Abstinenz lag hinter den Beiden. Auftreten coram publico - die Coronamaßnahmen hatten es verboten. Dabei gibt es nichts Berührenderes als Live-Musik. Die im selben Raum erzeugten Schwingungen treffen den Zuhörer dermaßen direkt, wie es kein Übertragungsgerät fähig ist, zu leisten. So war die Freude nicht nur auf Seiten der Zuhörerschaft in der Aula des Hermann-Josef-Kollegs groß, auch Judith Stapf (Violine) und Marco Sanna (Klavier) waren voller Begeisterung, nach gut 18 Wochen wieder im Rahmen der KlangRaum-Konzerte Steinfeld auftreten zu dürfen. "Beethovens Töchter" hatten sie das Programm überschrieben, das unter anderem auch für das Bonner Beethovenfest gedacht war. Bei beiden jungen Künstlern - Judith Stapf ist 23 Jahre jung, Marco Sanna wurde 1989 in Cagliari (Italien) geboren - handelt es sich um hochkarätig ausgebildete  Instrumentalisten und Solisten mit bereits viel Erfahrung und einer ganzen Reihe von Preisen und Einspielungen.

Von der technischen Seite her waren von der ersten Note an keine Makel festzustellen, musikalisch war das Dargebotene sowieso vom Feinsten. Mit dem Steinfelder Blüthner-Flügel und einer Cremoneser Violine von Andrea Guarnerie aus dem 17. Jahrhundert besaßen die beiden einmaliges Handwerkszeug. Und Beethoven geht immer, in jeder Lebenslage, womit die beiden denn auch starteten. Der Klassiker lieferte die Sonate für Klavier und Violine D-Dur, op. 12/1 in den Jahren 1797/1798 ab. Wohl durchdacht, aber noch relativ jung und damit noch etwas bodenständig und vorhersehbar entgegen seiner späteren Werke, bot das Klavier meist die akustische Plattform, auf der die Geige nach Lust und Laune tanzen konnte, was sie nach der Spielpause einmal mehr genoss. Weite musikalische Gedankenbögen wurden voll und ganz ausgespielt, zupackende und energische Takte gaben dem Ganzen richtig Pfeffer. Die knapp 100 Zuhörer waren dermaßen begeistert, dass sie bereits vor dem dritten und damit letzten Satz dieser Sonate applaudierten, was einem versierten Publikum, das durch die Bank den Weg nach Steinfeld an diesem Abend gefunden hatte, normalerweise nicht passiert. Begeistert äußerte sich auch Dr. Alfred Feuerborn als Sprecher des Veranstalters, der Stiftung Kloster Steinfeld.

Dora Pejačević war eine hochintelligente Frau in einer Zeit, in der Frauen noch nicht viel zu melden hatten. Die studierte Geigerin und Komponistin lebte von 1885 bis 1923 in Ungarn und Deutschland und veröffentlichte nicht selten unter einem Pseudonym, da es eben vor gut 100 Jahren noch unüblich war, dass man(n) Frauen etwas zutraute. Doch die hochsensible Komponistin, ein musikalischer Freigeist ihr Leben lang und von Kindesbeinen an mit Kunst und Musik groß geworden, scherte diese einschränkende Lage nicht. Sie suchte und ging gerade ihren Weg. Obwohl sie bestens betucht war und nicht hätte arbeiten brauchen, arbeitete sie hart, nicht nur als Komponistin, sondern auch als Krankenschwester. Ein Leben ohne Arbeit konnte sich die willensstarke Frau nicht vorstellen. Ihr wird das Zitat zugeschrieben: "Das Schöne muss gefunden, das Wahre entdeckt, das Notwendige getan, das Befreiende gelebt werden!" Derart komponierte sie. Überschwänglich romantisch, mit brillanter positiver Energie erklang die Violinsonate D-Dur, op. 26, die an Spielfreude kaum zu toppen sein dürfte. Rasant schnelle Passagen wechselten sich mit langsamen, wunderschön zarten Tonfolgen ab. Die Komponistin schickte die Ausführenden an den Rand des Machbaren. Doch mit dem notwendigen Temperament, dem Können sowieso und einer unbändigen Leidenschaft gelang dem Duo die Perfektion.

Damit nicht genug, ein musikalisches Unikum setzte dem Ganzen nach der Pause dann noch die "Corona" auf, obwohl es sich nicht um eine Corona-Sonate handeln sollte, wie der Pianist Marco Sanna schmunzelnd ausführte. "Wir hatten während der Corona-Krise viel Zeit zum Denken", skizzierte der hervorragende Pianist und Begleiter die Lage. Und wie das bei Musikern nicht selten sei: "Entweder haben wir zu viel zu tun oder sind arbeitslos." Während der Corona-Zeit allerdings habe sich die Sonate von César Franck in ihr Leben geschlichen, mit der Judith Stapf und Marco Sanna den Abend beendeten. Der Deutsch-Belgier César Franck schenkte dieses großartige Werk einem befreundeten Geiger zu dessen Hochzeit. In A-Dur und vier Sätzen erlebt der Zuhörer eine psychologische Reise, was das Kennenlernen eines Paares angeht. "Die vier verschiedenen Phasen, durch die ein Paar gehen muss", beschrieb die Musik Marco Sanna in seiner Anmoderation. Die Stimmung in der ersten Phase des Kennenlernens sei bestimmt von Unbestimmtem. Keiner weiß so recht, was los ist, außer: Es liegt was in der Luft. Dann entfacht die Leidenschaft und es wird gestritten. Im dritten Satz wird der Streit verarbeitet und das Herz schaltet sich endgültig ein. Den vierten Satz der streckenweise sogar etwas prüde wirkenden Musik bestimmt ein strahlendes A-Dur. Ohne Zugabe durften Judith Stapf und Marco Sanna die Aula nicht verlassen.