Steinfelder Besonderheiten: Das Conopeum der päpstlichen Basilika Minor

Ende 1960, nach den Feierlichkeiten der Heiligsprechung Hermann Josefs von Steinfeld, verlieh der Papst der Steinfelder Pfarrkirche den im Bistum Aachen bisher nur noch ein einziges weiteres Mal vorkommenden Ehrentitel einer Basilika Minor. Äußeres Zeichen dieser Würde sind neben dem Papstwappen über dem Eingang zwei dekorative Symbole: Das Tintinabulum (Bild 5), wahrscheinlich Vorläufer des heute bekannten Schellenbaums in den Musikkapellen, mit seiner kleinen Glocke unter den gekreuzten Petrusschlüsseln und der zuletzt von Papst Paul VI. getragenen Papstkrone (Tiara) ist fast schon selbst erklärend. Man kann Prozessionen damit anführen.

Aber das Conopeum (griech. für „Mückennetz“) löst immer wieder Ratlosigkeit aus (Bild 1). Die alternative Bezeichnung „Basilikaschirm“ hilft zunächst weiter. Wenn es genügend Helfern (Bild 2) im Kampf mit den hölzernen Schirmspeichen (Bild 3) gelingt, diese alle ungefähr gleichzeitig in die am Rand des Schirms angebrachten Befestigungsschlaufen zu stecken, stellt sich erst Enttäuschung ein, da man diesen „Schirm“ nicht richtig weit öffnen kann (Bild 4). Außerdem ist er sehr schwer mit seiner Holzkonstruktion, die den Schirmbezug aus abwechselnd rubinroten und goldgelben Stoffstreifen (an den Volants zum Kontrast in umgekehrtem Wechsel) trägt.

Dieser zeremonielle „Schirm“ erscheint in der kirchlichen Ikonographie Jahrhunderte lang in enger Verbindung mit der päpstlichen Tiara, so auch schon auf einem römischen Fresko aus dem 13. Jh. (Bild 6), das einen bedeutenden fiktiven Vorgang des 4. Jh. zeigt, der auf einer Fälschung des 8. Jh. beruht: Aus Dankbarkeit für ein lebensrettendes Wunder schenkt Kaiser Konstantin Papst Silvester unter anderem das „Phrygium“ (Vorform der Tiara) mit dem Conopeum darüber, beides Zeichen bislang kaiserlicher Macht, die nun angeblich an den Papst teilweise übertragen worden sein soll. Darauf haben einige Päpste des Mittelalters sich dann berufen, um die Ausweitung ihrer (auch weltlichen) Machtfülle zu rechtfertigen. Die geistliche Vollmacht wird in dieser Szene versinnbildlicht durch die Bischofsmitra des Papstes mit dem darüber gehaltenen Kreuz.

Zu vermuten ist, dass man damals im Zusammenhang mit diesem „Schirm“ auch eine zumindest ideelle Verbindung zwischen Rom (Papst), Konstantinopel (Kaiser) und Jerusalem (Tempel) ausdrücken wollte, weil schon im Alten Testament beim Bericht vom Sieg des Volkes Gottes über seine Feinde, die Assyrer, genau dieses Conopeum eine herausgehobene symbolische Rolle spielt als Zeichen der dankbaren Erinnerung daran, dass Gott seinem Volk in der Bedrohung seine Hilfe nicht versagt:

„Holofernes lag auf seinem Lager unter einem Mückennetz [Conopeum] aus Purpur und Gold, in das Smaragde und andere Edelsteine eingewebt waren. (…) Judith schlug zweimal mit ihrer ganzen Kraft auf seinen Nacken und hieb ihm den Kopf ab (…) und riss das Mückennetz von seinen Tragstangen herunter. (…) [Zurück in Betulia:] Dann zog sie den Kopf aus dem Sack und zeigte ihn den Männern mit den Worten: Seht, das ist der Kopf des Holofernes, des Oberbefehlshabers der assyrischen Truppen, und hier ist das Mückennetz, unter dem er in seinem Rausch lag. Der Herr hat ihn durch die Hand einer Frau erschlagen. (…) Nehmt diesen Kopf, und hängt ihn an der Zinne eurer Stadtmauer auf. (…) [Beim Siegesfest in Jerusalem:] Das Mückennetz, das sie aus seinem Schlafgemach mitgenommen hatte, schenkte sie Gott als Weihegabe [in seinem Tempel].“ (Jdt 10,21; 13,8-9; 13,15; 14,1; 16,19)

Text: Helmut J. Kirfel                                                          

Fotos: Anna Maria Kirfel