Steinfelder Besonderheiten: Neuer Blick auf alte Kunst - Das Steinfelder Chorgestühl (1)

Anders als Ostern mit seiner festen zeitlichen Bindung an das jüdische Pessach ist für die Feier der Geburt Christi der Zeitpunkt schon immer ein viel diskutierter Streitpunkt gewesen. Deshalb kann es auch nicht verwundern, dass so manches nichtchristliche Element aus Mythos und Astrologie in die christliche Tradition hereinragt. So fand das heidnische Fest der Sonnenwende bei der Wahl unseres heutigen Termins durchaus Berücksichtigung. Gegen Restbestände des Kults des heidnischen Sonnengottes (Sol Invictus) haben Bischöfe und Päpste lange angekämpft. Schließlich jedoch fand alles seine wohlbegründete christliche Umdeutung. Stattdessen haben Elemente modernen „Heidentums“ wie Rentier Rudi, das geflügelte, erwachsene, weibliche „Christkind(l)“ oder der „Weihnachtsmann“ als „Weiterentwicklung“ des hl. Nikolaus in der modernen Konsum-Weihnacht die religiösen Elemente wieder weithin an den Rand gedrängt.
 
Auch der Jahreswechsel war immer schon gekennzeichnet von den bekannten vor- und nichtchristlichen Ritualen. Daran konnte die Verlegung des „Hochfestes der Gottesmutter“ auf den 1. Januar im Rahmen der Liturgiereform 1970 auch nur begrenzt viel ändern. Diese Erkenntnisse sollen Anlass sein, einen neuen Blick auf die erhaltenen Überbleibsel des alten Chorgestühls der Basilika Steinfeld aus der Zeit um 1480 zu werfen. Auch hier ragt so manche heidnische Vorstellung in das Ensemble christlicher Kunst hinein und kann nur in der entsprechenden Umdeutung erklärt und an diesem Ort gerechtfertigt werden. Begonnen werden soll mit zwei Drachenreliefs und den Figuren zweier „wilder Männer“.
 
Die beiden Drachendarstellungen befinden sich innen auf den vorderen, die beiden Sitzreihen abschließenden Seitenwangen. Sie sind also weder aus der Frontansicht, noch aus der Blickrichtung des Mittelschiffs zu erkennen. Drachen kennen wir aus der Mythologie als menschenfeindliche Ungeheuer, gefährliche, riesige, reptilartige Raubtiere, teils Schlange, teils Vogel, oft geschuppt wie ein Krokodil, in jedem Fall grotesk-fantastisch überzeichnet. In der Mythologie der Antike mussten Macht und Ansehen beanspruchende Männer als „Drachentöter“ ihr Heldentum erweisen. In dieser Tradition stehen im Christentum der Erzengel Michael und der hl. Georg.
 
So übernimmt die christliche Kunst dieses Motiv und deutet es mehr und mehr um zum heldenhaften Kampf des Asketen und Mönchs gegen Satan und Sünde. Der Lohn des christlichen „Helden“ ist das Ewige Leben. Die endgültige Besiegung dieses „Drachens“ des Bösen) geschieht am Jüngsten Tag, das heißt am Ende der Welt.
 
Auf zwei der Wangen, die jeweils zwei „Stallen“ (Sitze) voneinander trennen, sehen wir zwei „wilde Männer“, die jeweils die Funktion eines schmückenden Knaufs haben: einer ganz nackt, bärtig, aber ohne Körperbehaarung, dargestellt in der Gebärde eines Lauschenden; der andere dagegen ohne Bart, dafür aber am ganzen Körper dicht behaart (oder in einen Ganzkörperanzug aus Fell gehüllt?), eine furchterregende Keule in der Linken haltend, die Rechte (kratzend?) am Gesäß.
Nach mittelalterlicher Vorstellung sind diese „wilden Männer“ zwar menschliche Wesen in ihrem Aussehen, sie stehen aber außerhalb des göttlichen Heilsplans. Ihre Darstellung soll den Betrachter dazu anleiten, alles „Wilde“, also alles Böse, Lasterhafte, Niedere und Gemeine in sich zu bekämpfen und zu überwinden, um seiner christlichen Berufung zu Tugend und Vollkommenheit gerecht zu werden.
 
„ES GAB AUCH EINEN GROßEN DRACHEN, DEN DIE BABYLONIER VEREHRTEN. DER KÖNIG SAGTE ZU DANIEL: VON DIESEM DRACHEN KANNST DU NICHT SAGEN, ER SEI KEIN LEBENDER GOTT. ALSO FALLE VOR IHM NIEDER! DANIEL ERWIDERTE: VOR DEM HERRN, MEINEM GOTT, FALLE ICH NIEDER, DENN DIESER IST EIN LEBENDER GOTT. DU ABER, KÖNIG, GIB MIR DIE ERLAUBNIS, DEN DRACHEN ZU TÖTEN, OHNE SCHWERT UND KEULE! DER KÖNIG SAGTE: ICH GEBE SIE DIR. DA NAHM DANIEL PECH, TALG UND HAARE, SCHMOLZ ALLES ZUSAMMEN, FORMTE KUCHEN DARAUS UND WARF SIE DEM DRACHEN INS MAUL. DER DRACHE FRAß SIE UND ZERBARST. DA SAGTE DANIEL: SEHT, WAS IHR FÜR GÖTTER VEREHRT!“ (DAN 14,23-27)
 
Text: Helmut J. Kirfel
Fotos: Dr. Chr. Tegeler