Bibel - Teilen, ein Selbstversuch

Steinfeld. Aus eigenem Antrieb würde ich einen derartigen Termin wie "Bibel - Teilen" nicht wahrnehmen. Klingt so sphärisch, so weltentrückt, komplett ungeeignet für Menschen wie mich, die keine Ahnung von Bibel haben.

Aber eine freundliche Einladung dieser Art schlage ich auch nicht aus. Gerade in fremden Welten lassen sich oft Dinge lernen, die in der eigenen Welt unerreichbar bleiben. Kleines Problemchen: Ich glaube wirklich nicht an Gott; die Story vor gut 2000 Jahren war Bombe, die Idee super, daher hat sie sich wohl auch so erstaunlich gut gehalten. Aber die ganzen Grausamkeiten und Ungereimtheiten rund um diese Story, das schreckt mich ab. Stattdessen glaube ich an die Kraft der Natur, an die Wahrheit, die Gerechtigkeit, das Gute im Menschen und vor allem an die Macht der Liebe. Folgendes Motto steht tagtäglich auf meinem Reporterzettel ganz obenan: "Erst urteilen, wenn selber erlebt; und immer von möglichst allen Seiten betrachten."

Als die Einladung kam, nahm ich also an, und so sitze ich denn an einem Freitagabend mit einigen pastoralen und ehrenamtlichen Mitarbeitern von Kloster und Kirche Steinfeld im Meditationsraum des Steinfelder Gästehauses und warte auf das, was da kommt. Pastoralreferentin Alice Toporowsky leitet an diesem Abend das Angebot "Bibel - Teilen", das für alle Interessenten offen ist, auch für derartig Ungläubige und Bibelferne wie mich. Die Veranstaltung wird seit zwei Jahren von Mitarbeitern des Teams immer im Wechsel geleitet. Zunächst wird ein Text aus dem Evangelium gelesen, jeder im Raum liest reihum einen Satz. Der Text liegt dem "14. Sonntag A: Mt 11, 25-30" zugrunde. Immer wieder wird inne gehalten, Stille durchdringt den Raum, die Worte wirken und werden groß. Jeder wird aufgefordert, die Worte heraus zu suchen, die ihn besonders berühren.

Es sind viele Worte, die mich berühren, aber als es drauf ankommt, muss ich nicht lange überlegen: "...von Herzen demütig", so meine Wahl. Denn das ist aus meiner Sicht der Schlüssel für soziales Verhalten, für Empathie, für Mensch mit Mensch. Wer sein Gegenüber verstehen möchte, sollte selber erst einmal von Herzen demütig sein. Auf Augenhöhe leben mit seinem Umfeld, den eigenen Horizont verlassen für seinen Nächsten. Sich einlassen auf das, was den Nachbarn berührt. Auch die anderen Bibel - Teiler im Raum fangen an, über einzelne Worte zu philosophieren und eigene Empfindungen damit zu verweben. Lernen, um nicht stehen zu bleiben, den Stress besiegen, der einen immer wieder einholt im Alltag. Corona wird Thema, was hat es mit den Menschen gemacht? Eine Teilnehmerin fand die Zeit in gewisser Hinsicht nicht so entspannend wie etwa eine andere Anwesende. Mal kein Termindruck, mal nicht im Strom mitschwimmen müssen, sondern einen eigenen Rhythmus leben dürfen. Für viele Menschen hatte diese Krise auch ihr Gutes.

Meine Liebe zur Sprache, das Spielen mit Vokabeln und das Interpretieren von Worten, wie es im Latein- und Altgriechisch-Unterricht einst an der Tagesordnung stand, das Ringen um den richtigen, fein gefühlten Begriff ist für mich ein Genuss. Die 60 Minuten verfliegen. Noch einmal wird der Text gelesen. Noch einmal mehr zeigen die Worte Wirkung, werden zur Melodie und erhalten den gleichen meditativen Charakter wie Musik. Nun, und Musik - hat für mich immer etwas Göttliches. Vielleicht war es ja doch die passende Veranstaltung, nur wusste ich es nicht?

Immer am ersten Freitag im Monat findet die Veranstaltung "Bibel - Teilen" in der Regel im Meditationsraum des Gästehauses in Steinfeld von 19.30 bis 20.30 Uhr statt. Der nächste Termin: Freitag, 7. August. Achtung! September entfällt. Die Termine werden aber auch nochmal jeweils einzeln auf den Internetseiten www.gdg-steinfeld und www.kloster-steinfeld.de bekannt gegeben.

Gudrun Klinkhammer