Bauliche Spezialitäten in Steinfeld: Das Auge Gottes

Steinfeld. In aller Regel wird sie übersehen, weil es dem Besucher einer Veranstaltung, die im dahinter liegenden Raum stattfindet, beim Betreten an Muße zur Betrachtung mangelt: die auffällig gestaltete Eingangstür zum Raum der ehemaligen Bibliothek des alten Steinfelder Stifts. Bis vor kurzem diente der Raum dem Internat und dem Gymnasium als Schülerkapelle und zahlreichen Besuchern als Kammerkonzertsaal.

In diesem in spätgotischer Form gehaltenen Erweiterungsbau des Klosters aus der Zeit des Neuen Kreuzgangs (um 1500) findet sich diese Tür aus dem 18. Jh. ganz im Stil des Rokoko in durchbrochener Arbeit mit Verglasung. Sie zeigt unten ein Gittermuster, oben Rankenwerk, im Zentrum steht jedoch ein bekanntes und beliebtes Motiv unseres christlichen Glaubens: Ein Dreieck repräsentiert die göttliche Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Von dieser gehen in der Art von Sonnenstrahlen Licht und Leben, göttliches Wirken und göttliche Macht aus.

Die Strahlen scheinen aber ihren Ursprung weniger im Dreieck selbst zu haben als in dem in der Mitte des Dreiecks sichtbaren Auge. Es steht für die Allgegenwart und die Allwissenheit des dreifaltigen Gottes, ein besonders in der Volksfrömmigkeit des 18. und 19. Jh. beliebtes Motiv, aber auch schon der hl. Augustinus schaute in seinem betrachtenden Gebet die Dreifaltigkeit Gottes als „Auge Gottes“.

Ein heute mehr als 80 Jahre alter Zeitzeuge erzählt über seinen Steinfelder Aufenthalt als Waisenkind im Köln-Sülzer Waisenhaus, das im Zweiten Weltkrieg, aber auch noch nach dem Krieg bis etwa 1956 im Kloster Steinfeld sein Domizil hatte: Um die Kinder, denen dieser Raum damals als Schlafsaal diente, zu korrektem Verhalten und abends zum baldigen Einschlafen zu bringen, bediente die betreuende Ordensschwester sich kurzerhand dieses „Auges Gottes“ als  einer Hilfskraft der Erziehung: „Auch wenn ihr meint, ich sehe es nicht, dieses Auge Gottes sieht alles und wird euch zur Rechenschaft ziehen!“ – Ein Trauma war dem alten Herrn zum Glück offenbar nicht daraus erwachsen.

„Ein Auge ist, das alles sieht,

auch wenn’s in finstrer Nacht geschieht.“