Steinfelder Besonderheiten: Hermann Josef von Steinfeld in der modernen Kunst (1)

Es ist sicherlich ein passender Platz, vom Künstler selbst ausgewählt: als Rahmen das vermauerte Tor, bis zur Mitte des 19. Jh. die barocke Zuwegung zum Haupteingang der Basilika Steinfeld. In Basaltlava ausgeführt, präsentiert sich hier eine äußerst ungewöhnliche bildhauerische Gestaltung der berühmten Apfelszene aus der Vita des hl. Hermann Josef. Der Künstler war der Bildhauer Günther Oellers (1925-2011) aus Linz/Rhein. Sein Steinfelder Werk nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als es in den umfänglichen Werkverzeichnissen Oellers’ nirgendwo Erwähnung findet. Gleichwohl verraten Werkstoff und Ausführung seine Herkunft, ebenso wie die gewählte Thematik, war Oellers doch nicht nur über den mit ihm befreundeten Hermann Josef Hoffmann, Pfarrer der ehemals zu Steinfeld gehörenden Gemeinde Wehr, mit unserem Heiligen und seiner Lebensgeschichte bestens vertraut.

Die Bildhauerarbeit erscheint zwar flächig ausgeführt, gewinnt aber durch die Dicke des Basaltlavablocks Tiefe und damit plastischen Charakter. Die Ausarbeitung der Rückenkonturen der Gestalt zur Linken verstärkt diesen Eindruck. Die Darstellung Mariens und Hermann Josefs ist extrem reduktionistisch. Außer den sie vom Umfeld abgrenzenden Körperkonturen findet sich lediglich die andeutungsweise „Zeichnung“ der Köpfe, Gesichter, Heiligenscheine, der beiden Hände Mariens und der rechten Hand des Heiligen. Die Spannungslinie der Darstellung liegt in einer diagonal von rechts oben nach links unten geführten mehrkurvigen Schwingung. In ihrem Zentrum sehen wir in der leicht geöffneten Hand Hermann Josefs den Apfel, den er Maria hinreicht und nach dem sie sich anschickt zu greifen. Der Apfel ist vergoldet, er zieht den Blick des Betrachters als erstes an, er beansprucht das Zentrum der Darstellung, der Aufmerksamkeit, der Deutung. Der Apfel ist hier mehr als nur Gabe, in ihm erscheint die ganze Hingabe Hermanns oder besser die Hingabe dieses ganzen Menschen verdichtet. Die schlichte Apfelszene geht hier also eine enge Verbindung ein mit der bekannten Marienmystik des Hermann Josef. Die Grenzen der Sphären des Menschlichen und des Himmlischen, in ihrer Unterschiedlichkeit angedeutet nicht nur durch die höhere Position Mariens, sondern auch durch die beiden Öffnungen unterhalb des Apfels, die an ein Gitter oder eine Kirchenbank erinnern, erscheinen gleichzeitig gewahrt und doch überwunden. Himmel und Erde berühren einander in diesem Geschehen. Die Anwesenheit des sonst in dieser Szene nie fehlenden Jesuskindes kann hier höchstens durch die kreuzförmige Öffnung oben links angedeutet sein.

Zwei Schriftzüge, angeordnet in der zweiten Diagonalen von links oben nach rechts unten, haben erläuternde Funktion: Das in Rot gehaltene „Canonizatus“ (= in das kirchliche Verzeichnis der Heiligen aufgenommen) bezieht sich auf die 1958 erfolgte Kultbestätigung unseres hl. Hermann Josef. Der zweite Schriftzug unten rechts „Dont. W. B. 1998“ (= don[avi]t W[olfgang] B[ergsdorf] 1998) nennt den Stifter des Kunstwerks und das Stiftungsjahr: 40 Jahre nach der Heiligsprechung und 30 Jahre nach der ersten am Hermann-Josef-Kolleg Steinfeld durchgeführten Abiturprüfung. Zu dieser ersten Abiturientia gehörte auch Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf. Oellers und Bergsdorf ebenso wie den Künstler Joseph Beuys und den Schriftsteller Heinrich Böll verbindet, dass sie zu unterschiedlichen Zeiten und in ganz unterschiedlichen Funktionen beratend für Helmut Kohl tätig waren.

Von Menschen, die moderner Kunst wenig nahestehen, ist mitunter der Vorwurf zu hören, diese wirke auf sie wie eine Zumutung. Ihnen sei mit den Worten Heinrich Bölls geantwortet: „In jeder Kunstäußerung liegt eine ziemliche Zumutung, und Zumutung ist eine Äußerung des Respekts. Schließlich ist eine Liebeserklärung auch eine ziemliche Zumutung.“

Text und Foto: Helmut J. Kirfel