Die Tabernakel in Basilika und Kloster Steinfeld

Für die Notwendigkeit der Aufbewahrung konsekrierter Hostien lassen sich gute Gründe nennen: Einerseits gibt es bei (fast) jeder Eucharistiefeier überzählige Hostien, andererseits ist es notwendig, eine gewisse Zahl von Hostien für den Kommunionempfang der Gläubigen auch außerhalb der Messe vorzuhalten, beispielsweise für Wort-Gottes-Feiern. Gleiches gilt für den häuslichen Kommunionempfang kranker und sterbender Gläubiger.
Schließlich wird separat in einer Kustodie eine große Hostie für die verschiedenen Formen liturgischer Verehrung aufbewahrt: für die Aussetzung des Sanctissimum zur Anbetung, für den Sakramentalen Segen, für die Fronleichnamsprozession.
Benutzte man im Mittelalter vorwiegend Hängetabernakel, Wandschreine und Sakramentshäuschen in Mauernischen, so gewannen seit dem frühen 16. Jh. die Altartabernakel immer mehr an Verbreitung, bis sie sich spätestens im 18. Jh. als einzige Form der Aufbewahrung durchsetzten (mit einigen Ausnahmen, beispielsweise der Kathedralen). Die Vorstellung vom Altar als Abbild Christi legte dies nahe.
Erst die liturgischen Reformbewegungen des 20. Jh. bewirkten, dass die Tabernakel möglichst nicht mehr auf den Zelebrationsaltären aufgestellt wurden, was ja gerade bei einer Zelebration „versus populum“ (zum Volk hin) auch kaum sinnvoll oder möglich wäre. Diese Entwicklung lässt sich an den erhaltenen Tabernakeln unserer Basilika sehr schön nachverfolgen.
Das erste der erhaltenen Tabernakel (oben Mitte), das heute auf dem Altar der Ursulakapelle zu sehen ist (Mitte in der Mitte), stammt aus dem 19. Jh. Es hat einen verzinnten Eisenkern, seine Front weist eine polychrome Fassung auf, und die Malerei zeigt auf jeder der beiden Türflügel einen Engel mit einem Weihrauchfass in den Händen. Auf einem Foto aus den frühen 1920er Jahren (oben links) kann man dieses Tabernakel auf der Mensa des Hochaltars sehen. Als die Hausgemeinschaft und auch die Schülerschaft der Salvatorianer nach 1924 schnell wuchsen und man deswegen auch die Seitenarme des Querhauses mit Kniebänken ausstattete, wurde ein Zelebrationsaltar auf den Stufen zum Hochchor nötig, damit alle Mitfeiernden einer hl. Messe das Geschehen am Altar auch visuell verfolgen konnten. Vom Hochaltar wanderte dieses Tabernakel daher zunächst mit auf den neuen Altar (Mitte links). Der Hochaltar blieb nun ohne Tabernakel.
Für die neue Position auf dem Zelebrationsaltar eher geeignet erschien nunmehr ein Tabernakel, das auch an den Seiten und auch auf der Rückwand künstlerisch gestaltet war. 1934 ersetzte ein solches (Mitte unten u. links unten) das alte. Der Kern ist nun ein Stahltresor. Darübergelegt sind Schnitzarbeiten in Eichenholz, auf den Türflügeln die Verkündigungsszene mit der Jungfrau Maria und dem Engel Gabriel, die von dem Steinfelder „Bruder Albert“ (Wilhelm Jakob) ausgeführt wurden. Diese erfuhren außerdem eine Ölvergoldung durch den Maler Josef Gassert aus Villip.
Als die Liturgiereform einen Altar mitten in der Vierung, von dem der Priester zum Volk hin zelebriert, erforderlich machte, erhielt das (nun) „alte“ Tabernakel seinen heutigen Standort in der Josefskapelle. Ein neues Tabernakel, nun wieder für den Hochaltar, wurde schon 1975 in Auftrag gegeben und steht dort bis heute unverändert (oben rechts). Es besteht im Kern ebenfalls aus Stahl, „allseitig doppelwandig, feuergeschützt und diebessicher“ ( Re. v. 4.12.1975). Die künstlerische Gestaltung übernahm die Werkstatt des Bildhauers Müller in Brühl-Badorf.
Die runde Form, die Abmessungen und auch die Oberflächengestaltung mit einem an eine Strahlenmonstranz erinnernden Dekor auf der Front bewirken, dass sich dieses Tabernakel in seine barocke Umgebung sehr gut einfügt, ja sogar eine gewisse optische Ähnlichkeit mit den Basen der flankierenden Säulen aufweist.
Das nach nicht nur meinem Geschmack schönste Steinfelder Tabernakel findet sich jedoch in der Apsis der Hauskapelle des Klosters, in der äußeren Form an ein Wohnhaus oder eine Schatztruhe ebenso erinnernd wie an einen Reliquienschrein: das Zelt Gottes unter den Menschen. Diese Kapelle wird gesondert thematisiert werden.
Text: Helmut J. Kirfel - Fotos: Pfarrarchiv u. H. J. Kirfel