Steinfelder Spezialitäten: Steinfelds „architektonische Zwillinge“

Steinfeld. Der Besitzübergang der Benediktinerinnen-Abtei 2019 gibt Anlass, einen Blick in die Geschichte der Liegenschaft zu werfen. Die Recherche im Landesarchiv NRW hat die Entwurfszeichnungen der „Villa“, also des ältesten Teils, datiert auf 1850, zutage gefördert. Sie stammen von der Aachener Bezirksregierung und stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Umbau des alten Stifts zur preußischen Erziehungsanstalt zwischen 1846 und 1853.

Der repräsentative Bau mit unter anderem mit Speisezimmer, Empfangszimmer und „Salon“ hätte sich sicherlich für den Direktor dieser Anstalt und seine Familie geeignet. Aber Karl von Devivere zog 1854 in die von ihm bevorzugte „Neue Prälatur“ des Klosters ein.

Dafür musste der bislang dort wohnende Pfarrer weichen. Für ihn baute dieselbe Bezirksregierung 1849 auf Staatskosten ein Pfarrhaus. Ein vergleichender Blick auf unter anderen auf Fassade und Grundriss zeigt weitgehende Übereinstimmung der beiden zweistöckigen und fünfachsigen Gebäude. Das Pfarrhaus ist zwar deutlich schlichter. Das „neue Haus“ zeigt mehr Dekor an der Fassade, der Eingang hat eine zweiflügelige Tür, das Krüppelwalmdach besitzt mehr Gauben.

Welcher „Oberbeamte“ der Anstalt dort auch einzog, seine soziale Stellung sollte betont werden.
Zusammen mit dem Gebäude der heutigen „Alten Abtei“, bereits 1804 erbaut als Teil eines Bauern-hofs, kurze Zeit später aber schon Gastwirtschaft, haben wir hier die ersten drei Gebäude Steinfelds, die außerhalb des Klosterbezirks errichtet wurden mit klarem stilistischen Bezug zueinander.

Als der Staat 1923 seine „Anstalt“ schloss und das Kloster von den Salvatorianern übernommen wurde, stand auch die „Villa“ von 1850 zum Verkauf. Zur gleichen Zeit trat in Köln ein bekannter Kommunalpolitiker krankheitsbedingt in den Ruhestand: Max Albermann, der bis zur Eingemeindung der letzte Bürgermeister von Kalk gewesen und als Kultur- und Sportdezernent in Köln weiterverwendet worden war.

Aus einer angesehenen Künstlerfamilie stammend – Vater Wilhelm hatte als Bildhauer etwa den Hermann-Josef-Brunnen am Waidmarkt geschaffen – kaufte er dieses Haus, baute es aus und um, schuf liebevoll eine ästhetisch anspruchsvolle, riesige Gartenanlage. Aber er starb schon im Alter von 56 Jahren am 26. Juli 1927. Er hinterließ seine Frau Margaretha und seinen Sohn Josef, der mit 32 Jahren 1941 in Russland fiel.

Seine Mutter stellte einen Teil ihres Gartens Ende 1944 bis Anfang 1945 für ein Massengrab zur Verfügung, das fast 300 im Lazarett des Klosters oder auf dem Transport dorthin verstorbene Kriegsopfer aufnahm, bevor diese Anfang der 1950er Jahre exhumiert wurden, um auf dem jetzigen Ehrenfriedhof ihre letzte Ruhestatt zu finden.

Ab dem 7. März 1945 zogen neue „Gäste“ in Steinfeld ein: Während das Landratsamt des Kreises Schleiden das alte Kloster bezog, wurde das Albermannsche Haus zum Hauptquartier zunächst der amerikanischen, später der britischen Kommandantur.

„Frau Bürgermeister Albermann“, wie sie immer noch genannt wurde, kam offenbar nicht mehr nach Steinfeld zurück und verstarb schon bald, nämlich im Jahre 1947. Fast gleichzeitig fügte es sich, dass Benediktinerinnen aus dem belgischen Kloster Notre Dame in Ermeton-sur-Biert ab Sommer 1948 nach Möglichkeiten einer Neugründung im Nachkriegsdeutschland suchten.

So kam es schließlich 1954 zum Kauf und zur Gründung eines Priorats (ab 1972 Abtei) im Haus Albermann.
Seit 2019 ist dieses Albermannsche Haus also besitzrechtlich wieder mit dem Kloster vereinigt so wie damals vor genau 170 Jahren, als der Hausbau begann.

Text: Helmut J. Kirfel

Fotonachweis:
Für die beiden aktuellen Bilder: H. J. Kirfel

Für das Luftbild von 1932: Sammlung Felizius Poth

Für das Foto der Abtei bei der letzten Fassadenrenovierung (ohne Fensterläden): Kloster Steinfeld