Die Arbeit auf den Phillippinen - Pater Hermann berichtet

Der Salvatorianer Pater Hermann Preußner (Jahrgang 1939) arbeitet auf den Philippinen; wie seine Aufgabe und sein Alltag aussieht, schildert er in einem Interview:

Seit wann arbeiten Sie auf den Philippinen?
Seit April 2012

Wie sieht Ihre Arbeit dort aus?
Von Mai 2012 bis März 2015 war ich Assistent des Novizenmeisters; Zwei Jahre in Marikina, das ist eine der x-Städte, aus denen Manila besteht; dann zog das Noviziat "aufs Land" nach Silang in die Provinz Cavite, rund 60 Kilometer von Manila entfernt. Wir hatten in Silang einen Noviziatsbau von den Afrika Missionaren gemietet. Im Noviziat habe ich im Wechsel/Ergänzung mit dem Novizenmeister Unterricht in Bibelfragen und Ordensgeschichte erteilt. Dann im März 2015 habe ich eine Aufgabe als Präfekt bei unseren Kandidaten in Talon übernommen, das ist etwa 15 Kilometer von Silang entfernt. Hier besteht meine Aufgabe darin, die Kandidaten, die vier Jahre lang Philosophie an einem Institut außerhalb unseres Hauses  studieren, zu begleiten. Da die jungen Leute mehrheitlich von "Land" (Bauern- und Fischermilieu) stammen, bedürfen sie einer behutsamen Führung im Studium. Diese Führung (Aufsicht?!) muss behutsam geschehen, weil die Sensibilität der Südostasiaten durchaus eine andere ist als bei jungen Leuten in Deutschland.
Zusätzliche Aktivitäten:
+ Seit Juni 2015: An zwei Sonntagen im Monat und den kirchlichen Feiertagen zelebriere ich die hl. Messe in einem Gefängnis, führe Gespräche mit Gefangenen, unterstütze die beauftragte Ordensschwester für die Pastoral der Gefängnisse im Bistum Imus beim Sammeln von Spenden für Medizin, die die Gefangenen oder deren Familien selbst nicht aufbringen können, die aber für das Überleben der Gefangenen notwendig sind.
+ Auch nach dem Ausscheiden aus dem Noviziat erteile ich einmal wöchentlich Unterricht dort über Ordensgeschichte.
+ Im Rahmen des Schulprogramms des College-Seminary La Salette unterrichte ich für unsere eigenen Studenten einen zweisemestrigen Italienisch-Kurs im vierten Jahr Philosophie.
+ Unsere Gemeinschaft unterhält zwei kleine Schulen für sogenannte Outschool-Youth in zwei Slums (Parola und Payatas) in Manila. Der Schulträger (Salvatorianer) hat den Namen Puso Sa Puso (Von Herz zu Herz). Es handelt sich jeweils um Jahreskurse zur Erlangung des Grundschul- und Hauptschul- (Highschool) -Abschlusses. Outschool- Youth bedeutet, junge Leute von zehn bis 30+ Jahren, die entweder nie eine Schule von innen gesehen oder die Schullaufbahn vorzeitig abgebrochen haben. Es gibt dafür ein staatliches Schulprogramm: Das staatliche Alsabuhay Programm; offiziell die Abkürzung für: Alternative Learning System Approach//Bridging Unlimited Hope for the Advancement of Youth. Zugleich heißt Alsa Buhay auf Tagalog “das Leben tragen”. Zu dieser Art persönlich wirksamer Entwicklungshilfe liefert der Philippinische Staat das Programm, aber keine finanziellen Ressourcen! Das Projekt hat mich beim ersten Besuch so fasziniert, dass ich dafür seit acht Jahren Fundraising mache, im Sinne der Unterrichtung der Förderer, was mit Ihrem Geld geschieht.
+ Und natürlich habe ich gottesdienstliche Aufgaben auch in unserem Studienhaus in Talon.
+ Für eine einmal pro Jahr stattfindende Medical-care-mission bei den Ureinwohnern der Mangyan auf der Nachbarinsel Mindoro versuche ich ebenfalls, finanzielle Hilfen ausfindig zu machen. Seit Jahren ist die Friedrich Joseph Haass Gesellschaft aus Bad Münstereifel die Säule dieser Aktion – übrigens auch bei der Finanzierung von Medikamenten im Gefängnis. Leider fiel die Mindoro-Aktion in diesem Jahr wegen des Coronavirus aus.

Wie kamen Sie dazu, in die Ferne zu gehen?
Eine Anregung eines Generalatsmitglieds um das Jahr 2005-6, dass rüstige und relativ gesunde Pensionäre in den verschiedenen Missionsgebieten unserer Ordensgesellschaft sehr willkommen seien, war der Anstoß. Nachdem ich in Steinfeld entbehrlich wurde, bin ich der Anregung gefolgt – und habe es nicht bereut.

Gibt es dort derzeit auch eine Corona-Krise?
Kann man wohl sagen. Seit dem 17. März steht ganz Luzon, die nördliche große Insel (mit der Hauptstadt Manila) mit rund 70 Mill. Einwohnern unter „communaler Quarantäne“; auf den Visayas (mittlere Inseln) und Mindanao (südliche große Insel) dürfte es ähnlich sein. Bis heute, 7. Mai 2020, sind circa 10.000 Fälle amtlich registriert, 658 Tote, 1500 Geheilte. Bei einer Gesamtbevölkerung von circa 117 Millionen Einwohner nicht dramatisch, könnte man meinen. Der offiziellen Statistik werden nur wenige glauben. Konkret bedeutet diese „Quarantäne“ oder Locckdown:
Nur Lebensmittelgeschäfte, Gemüsemärkte und Apotheken sind geöffnet für einige Stunden. Ein großes Krankenhaus in  unserer Nähe wurde wegen Corona geschlossen. In jeder Familie bekommt eine Person unter 60 einen Ausweis, der zu bestimmten Stunden in bestimmten Geschäften zum Einkauf berechtigt. Ansonsten gilt ein allgemeines Ausgangsverbot für alle, die nicht eine besondere Arbeitserlaubnis haben. Wir haben mit unseren 25 Studenten das Glück, auf einem relativ großen Grundstück zu leben, es gibt einen Sportplatz und einen großen Garten, zum Sport machen beziehungsweise Gemüse ziehen oder zur Bewegung im Freien.

Was macht Ihnen derzeit am meisten zu schaffen, was gibt Ihnen auf der anderen Seite wiederum die meiste Kraft?
Der völlige Wegfall der Außenkontakte, auch mit den Mitbrüdern der anderen Häuser, ist natürlich lästig, aber nicht dramatisch, da es uns nicht an Lebensmitteln fehlt, die unser Superior einkauft, der den Ausweis zum Einkauf hat. Persönlich bedauere ich die circa 350 Gefangenen in „meinem“ Gefängnis, denen unter anderem die hl. Messe fehlt (das kann man nur nachempfingen, wenn man mit ihnen fünf Jahre die Sonntagsmessen auf ihre besondere „philippinische“ Weise mitgefeiert hat), sondern auch die Wertschätzung, die sie durch unsere Gegenwart erfahren. Für uns sind sie eben nicht „Knackies oder Ähnliches“, sondern unsere respektierten Schwestern und Brüder. Gott sei Dank konnte die Schwester die üblichen Medikamente trotz Pandemie kaufen und vom Gefängnispersonal an ihrem Haus abholen lassen. Alle Gefängnisse sind noch auf nicht absehbare Zeit geschlossen.
Neben Gebet und Gottesdienst erfahren mein Mitbruder/Superior und ich (zur Zeit sind wir nur zu zwei Patres hier) die Gemeinschaft mit unseren 25 Studenten als Herausforderung und zugleich als Kraftquelle. Das hängt mit der besonderen Mentalität der Südostasiaten und der persönlichen Lebensgeschichte der meisten unserer Studenten zusammen, die mehrheitlich nicht aus vermögenden Familien stammen, denen Entbehrungen nicht fremd sind. Da unsere drei Hausangestellten keine Arbeitserlaubnis bekamen, müssen unsere Studenten selbst kochen, Wäsche waschen, Haus- und Gelände sauber halten, den Garten bestellen (das hier sonst sehr teure Gemüse wird zur Zeit von ihnen erwirtschaftet), die Tiere versorgen (Hunde, Katzen, Hühner, Enten, Truthühner, Schweine). Trotz dieser vielfältigen Dienste ist die Stimmung freundlich und kooperativ. Wehleidigkeit habe ich hier noch nie erfahren!

Wie sehen die nächsten Projekte aus, die anstehen?
Projekte??? Wir wären froh, wenn wir die nächsten Regularien über die Bühne brächten:
+ Geplant war ein Umzug unseres Noviziats von Biluso nach Silang/Balubat I (nur einige Kilometer entfernt) in einen zum Teil fertigen Neubau. Die Bauarbeiten wurden allerdings unterbrochen. Der Zeitpunkt bleibt ungewiss, wann es weitergeht.
+ Am 16. Juni steht die erste Profess unserer sechs Novizen und die Professerneuerung der Theologiestudenten in New Manila an. Aber drei unserer Theologiestudenten sitzen nach einem Jahrespraktikum in Kenya (Afrika) und Australien fest, weil sie auf die Philippinen nicht einreisen können.
+ Wir haben zur Zeit sechs Diakone, die vor einigen Wochen in Vietnam beziehungsweise hier auf den Philippinen die Priesterweihe hätten erhalten sollen. Wegen Corona sind bisher in beiden Ländern die Weihen nicht möglich gewesen. Wir fürchten, dass die jungen Leute noch viel Geduld brauchen.
+ Wir hatten einen siebten Diakon aus Vietnam, Paul Tran Van Duong, der trotz Corona-Pandemie und Lockdown am 16. April 2020 in Südost-Australien ohne Beteiligung von Gläubigen von Bischof Anthony Randazzo von Broken Bay geweiht wurde, seine Weihe wurde über Youtube im Livestream von circa 4000 „Gläubigen“ miterlebt. Dazu gehörte natürlich auch unsere Gemeinschaft. Diese Weihe dürfte ein wirkliches Unicum nicht nur in der salvatorianischen Welt sein!
+ Wir haben in Loyola/Manila eine Englisch-Sprachschule, in der unsere Kandidaten aus verschiedenen asiatischen Ländern  - bevor sie mit dem Philosophiestudium beginnen, ein beziehungsweise zwei nur Englisch studieren. Diese jungen Leute müssten nach Talon umziehen, um hier mit dem Philosophie-Studium zu beginnen. Auch hier ist der Zeitpunkt ungewiss.
+ Wann das College-Seminar La Salette, dessen philosophische Vorlesungen unsere Studenten besuchen, den Vorlesungsbetrieb wieder aufnehmen kann, hängt davon ab, wann Schulen, Universitäten und ähnliche Einrichtungen ihre Tätigkeiten wieder beginnen können. Auch hier ist keine wirkliche Planung möglich.

Vielen Dank an Pater Hermann Preußner für den Einblick in seine Arbeit und der Wunsch an ihn: Bleiben Sie gesund!