Die Steinfelder Altäre – Geschichte und Bildprogramm (2): Der Magdalenenaltar von 1720

Dass im Zentrum des Magdalenenaltars in der Basilika eine Statue Marias von Magdala steht, die ein Salbgefäß in der Rechten hält und deren Haare betont lang herunterfallen, ist einer unbiblischen, aber sehr alten Tradition zuzuschreiben.
Nach dieser wird die bei Lukas 7,36-50 vorkommende, namenlos bleibende öffentliche Sünderin, die Jesus die Füße wäscht, sie küsst und mit ihren langen Haaren trocknet, sein Haupt mit Öl und seine Füße mit Balsam salbt, mit Maria Magdalena identifiziert. Diese wird zwar in dem darauf folgenden Kapitel namentlich erwähnt, aber in einem ganz anderen Zusammenhang und zusammen mit einer Johanna, einer Susanna und „vielen anderen“: „Sie unterstützten Jesus und die Jünger mit ihrem Vermögen.“ (Lk 8,3) Kann eine von diesen vermögenden Damen der Gesellschaft wirklich identisch sein mit der Prostituierten aus Lk 7?
 
Es ist Papst Gregor der Große, der entgegen diesem biblischen Befund 591 in einer Predigt erstmals diese Frage nachdrücklich bejaht. Damit wird in der westlichen Kirche der Maria von Magdala diese Vergangenheit der „reuigen Hure“ angehängt, unser Magdalenenaltar kann so zum „Büßeraltar“ werden und in der den Bußetuenden vorbehaltenen Vorhalle der Kirche seinen angemessenen Platz finden. Ein modernes Musical und der Bestsellerautor Dan Brown schließlich degradieren Magdalena gleich zur Geliebten Jesu.
 
Die Tradition der Ostkirche, die Maria Magdalena als Apostelin verehrt, betont dagegen, was natürlich auch im Westen nicht vergessen wird: Maria von Magdala als erste Botin des Ostergeschehens. Dies ist im oberen Teil unseres Altares dargestellt. Maria von Magdala entdeckt frühmorgens als erste das leere Grab, ruft schnell die Jünger, die kommen und sehen, aber noch nicht recht verstehen, sondern nach Hause gehen. Sie aber bleibt und weint. Da sieht sie jemanden, den sie für den Gärtner hält. Erst als er sie anspricht, erkennt sie Jesus. Der scheint sie abzuwehren: „Halte mich nicht fest!“ So kann sie zu den Jüngern gehen und ihnen verkünden: „Ich habe den Herrn gesehen.“ (Joh 20,1-18)
 
Wie der Hochaltar wurde auch dieser Barockaltar in der Vorhalle geschaffen von Michael Pirosson (1645 – 1729) aus Wehr. Ausgebildet bei einem nassauischen Hofbildhauer, lebte er nach sechsjähriger Arbeitszeit im Benediktinerkloster Maria Laach drei Jahre lang in weltlicher Kleidung in Steinfeld, wurde hier 1681 als Prämonstratenser eingekleidet und legte 1683 seine Profess ab. Folgt man der Inschrift des Altars, so schuf er diesen im Alter von 75 Jahren im Jahr 1720. Am 22. Juli 1724, dem Festtag seiner besonderen Patronin Maria von Magdala, verstarb er in der ersten Nachtstunde. Am Abend vorher, so wird berichtet, hatte er noch vor ihrem von ihm eigenhändig erbauten Altar gebetet.
 
„MARIA MAGDALENA BEGREIFT, DASS SIE JESUS NICHT FESTHALTEN, SONDERN NUR VERKÜNDIGEN KANN, UND DASS DIE LIEBE BLEIBT, WÄHREND DIE ÄUßERE GESTALT VERGEHT; SIE MUSS IHRE WÜNSCHE AUFGEBEN UND ZUR HOFFNUNG HIN REIFEN.“ (STEFAN JÜRGENS, 2021)
 
Text: Helmut J. Kirfel
Foto: Manos Meisen