Der „wundertätige Unterarm“ des heiligen Apostels Simon

Im Jahr des 50jährigen Ortsjubiläums der Steinfelder Salvatorianer 1973 konnte eine aus dem Jahr 1527 stammende größere Scheibe der alten Kreuzgangverglasung aus England zurückerworben werden. David J. King hatte sie 1970 in der Grafschaft Norfolk entdeckt. Sie ist nun im Westflügel des Kreuzgangs ausgestellt und häufig Gegenstand der verwunderten Frage nach dem hier Abgebildeten.
 
Die Darstellung zeigt ausweislich der Inschrift auf dem Nimbus den Apostel Simon den „Zeloten“ oder „Eiferer“ (vgl. Lk 6, 15), flankiert von zwei Engeln im Hintergrund, der in seinen Händen ein Reliquiar hält, in dem der Betrachter durch ein „Schau-Fenster“ hindurch einen abgetrennten Unterarm erblickt. Die lateinische Inschrift auf dem Dach des Schreines erläutert: „Dieses Behältnis birgt den Arm des hl. Apostels Simon.“ Der Legende nach soll dieser Simon unter anderem in Persien missioniert und viele Wunder gewirkt haben. Die auf diese Weise demonstrierte Machtlosigkeit der alten heidnischen Götter habe deren Priester dort so aufgebracht, dass sie Simon töteten, nach einer von mehreren Überlieferungen sogar dadurch zu Tode brachten, dass sie ihm bei lebendigem Leibe die einzelnen Körperglieder nacheinander absägten. Daher wird Simon oft mit dem Attribut der Säge dargestellt.
 
Im Jahr 1204 nun soll ein armenischer Bischof auf seiner Pilgerreise zum Schrein der Heiligen Drei Könige nach Köln einen abgetrennten Arm Simons mit sich geführt haben. Um diese kostbare Reliquie vor Räubern im Kölner frommen Getümmel zu bewahren, habe er sie bei Wesseling auf einem Friedhof vorsorglich durch vorübergehendes Begraben schützen wollen, um sie später auf seinem Heimweg wieder auszugraben und mitzunehmen. Dabei wurde er von einem Bauern beobachtet, der insgeheim den vermeintlichen Schatz wieder ausgrub und ihn – da es sich nicht um Bargeld oder Gold und Silber handelte, wie er gehofft hatte – dem Bonner Stiftspropst Bruno brachte, der die unbekannte Reliquie freudig und dankbar versteckte.
 
Der inzwischen tatsächlich in Köln überfallene und ausgeraubte Bischof aus Armenien, der nun auf seiner Heimreise ein leeres Versteck vorfand, wurde als Mittelloser von Propst Bruno in Bonn mit aller christlichen Nächstenliebe aufgenommen, getröstet, mit Kleidern, Reittieren und Barem ausgestattet, damit er nur ja zügig wieder nach Hause reiten könne. Allerdings sagte Bruno ihm nichts von dem „Fund“, den er versteckte, horchte ihn vielmehr genau aus, welchen Verlust er denn so sehr betrauere und wessen Reliquie dies denn genau sei. Diese Fragen beantwortete der arglose Bischof auf das genaueste, so dass Bruno nun wusste, welch berühmte Reliquie er „besaß“.
 
Bruno schenkte dieselbe uneigennützig weiter an seinen Bruder Heinrich, der kurze Zeit vorher zusammen mit einem anderen Bruder die Abtei Sayn (heute Stadt Bendorf) gegründet hatte. So gelangte dieser Unterarm in das Steinfeld unterstehende Prämonstratenserstift Sayn, wo er zu einer weltberühmten Reliquie werden sollte, für die wenig später auch ein angemessen kostbarer Schrein geschaffen wurde.
 
Warum nun die Abbildung von Schrein, Reliquie und Heiligem auf einem Steinfelder Kreuzgangfenster? – Das Steinfelder Stift finanzierte im 16. Jahrhundert die Verglasung seines Kreuzgangs großenteils, indem es Steinfelder Prämonstratenser (auch ehemalige) mit „eigenen“ Einkünften etwa aus Pfarrerstellen darum bat, als Stifter – allein oder zu zweit – die Kosten für ein solches Fenster zu übernehmen. Als Gegenleistung durften diese Stifter sich selbst auf „ihrem“ Fenster abbilden lassen zusammen etwa mit ihrem Namenspatron oder dem Patron ihrer Pfarrkirchen oder auch einem anderen Bildelement, das in engem Zusammenhang mit ihrer Wirkungsstätte stand. Fenster VI im Nordflügel des Kreuzgangs, aus dem unser „Simon mit Armreliquie“ stammt, hatte einen recht prominenten Stifter: Der Steinfelder Konventuale Johannes Hillen war 1522 als Johann VI. Abt von Sayn geworden, was er bis zu seinem Tod 1546 auch blieb.
 
Er ließ sich auf einer anderen Scheibe desselben Fensters auch selbst abbilden, wie noch heute auf dem in der Lord Mayor’s Chapel in Bristol erhaltenen Glasfenster zu sehen ist. Was lag für ihn näher als in einem anderen Teil „seines“ Fensters jene Reliquie mit dem dazugehörigen Heiligen zu zeigen, die so wesentlich dazu beigetragen hatte, „sein“ Kloster Sayn zu einem so beliebten Wallfahrtsort (mit angeblich 22.000 Pilgern an einem einzigen Tag eines Jahres um 1500) und zu einer so angesehenen, reichen und großen Abtei zu machen! – Für uns heute wohl eher ein herrliches Beispiel für die großartige Kölner Glasmalkunst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts!
 
Text und Bild: Helmut J. Kirfel