Ein Kloster oder wenigstens eine Kirche in Steinfeld vor 1100 Jahren?

Für den oberflächlichen Beobachter erscheint die Frage leicht zu beantworten: „920“ ist auf mehreren Inschriften und auch in der älteren Literatur, die immer wieder neu abgeschrieben wurde, als Jahr der Gründung des Klosters Steinfeld zu lesen. Aber nur weil etwas irgendwo aufgeschrieben wurde, muss das Auf- und oftmals Abgeschriebene ja noch nicht wahr sein!

In der gleichen problematischen Art von „Quellen“, erstmals sogar in einer Steinfelder Abtschronik, die um das Jahr 1469 begonnen wurde, findet man noch mehr überraschende „Details“: 177 Jahre lang hätten Benediktinerinnen das Kloster bewohnt, die 1097 (= 920 + 177!) von Augustinerchorherren abgelöst worden seien. Aber spätestens hier fällt der erste von mehreren Widersprüchen auf. Denn die Urkunde über die Neugründung von 1121 sagt ja etwas anderes, und Urkunden sind immer die verlässlichsten Zeugnisse.

Diese inzwischen von allen seriösen Historikern verworfenen Aussagen über Steinfeld lassen sich auch nicht weiter als bis 1469 zurückverfolgen. (Wenn diese Eintragung in der kontinuierlich ergänzten Abtschronik denn überhaupt schon so früh erfolgt sein sollte!)

Vor 60 Jahren nun hat der Darmstädter Bibliothekar H. Knaus bei der Herkunftsbestimmung einer Sammelhandschrift der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts aus dem Skriptorium des Klosters Steinfeld, enthaltend unter anderem eine Kopie der Chronica des Hugo von St. Victor, eine interessante (Wieder-) Entdeckung gemacht: In zwei Randbemerkungen (siehe die beiden Pfeile auf unserer Collage!), von denen die längere übrigens hier erstmals in korrekter Wortfolge transkribiert ist, erfahren wir (in deutscher Übersetzung): 1.) Neben dem Namen König Heinrichs I. (919-936) – „Die zu seiner Zeit von einem gewissen Sibodo erbaute Steinfelder Kirche ist vom Kölner Erzbischof Wichfried geweiht worden.“ Und wenige Seiten später zwar auf dem Rand, aber beginnend exakt auf der Höhe der Datumszeile für das Jahr 951: „Zu dieser Zeit ist die Steinfelder Kirche geweiht worden.“ Dazu muss man noch wissen, dass Wichfried von 923/4 bis 953 Kölner Erzbischof war.

Die bisherige wissenschaftliche Diskussion kann hier nicht im Detail wiedergegeben werden. Aber die dort „aufgedeckten“ Widersprüche (zum Beispiel, dass Wichfried 920 noch gar nicht Erzbischof war!) sehe ich nicht, wenn man „Erbauung“ und „Weihe“ als nicht notwendigerweise gleichzeitige Vorgänge erwartet. Bischöfe haben sich auch zu anderen Zeiten und an anderen Orten mitunter erstaunlich viel Zeit gelassen mit der Kirchweihe und die vorläufige Nutzung einer neuen, kleinen Kirche auch nach einer provisorischen Benediktion durch einen Priester erlaubt oder wenigstens geduldet.

Nach dieser Deutung könnte die erste Steinfelder Kirche (keineswegs notwendigerweise auch ein Kloster!) in der Regierungszeit Heinrichs I., also zwischen 919 und 936, erbaut worden sein. Die Kirchweihe durch Erzbischof Wichfried müsste dann erfolgt sein zwischen 924 und 953. Nimmt man die zweite Randbemerkung in der Handschrift ernst, so hat die Weihe 951 (jedenfalls aber in den letzten Jahren Wichfrieds 951-953) stattgefunden. Urkunden sind diese Glossen natürlich nicht. Aber sie sind mindestens 200 Jahre älter, das heißt: den Ereignissen beträchtlich näher, als die Abtschronik von 1469. Es sei denn jemand wendet ein, dass diese Randbemerkungen auch noch sehr viel später von einem Unbekannten nachgetragen worden sein könnten.

Mehr und Genaueres wissen wir nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand aufgrund der bekannten Quellenzeugnisse nicht. Aus diesem Grund wurde in Steinfeld auf eine „Jubiläumsfeier“ im Jahr 2020 verzichtet. Und dann schlug zusätzlich noch die CoViD-19-Pandemie zu …

Text: Helmut J. Kirfel
Collage: Helmut J. Kirfel – Creative Commons Public Domain CC-O Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt