Die Bedeutung der Pfeile in den Steinfelder Wappen

Dem aufmerksamen Beobachter der Steinfelder Symbolik fällt auf, dass in Steinfelder Wappen Pfeile, ein Herz, Lilien und Sterne in verwirrend vielfältiger Kombination eine entscheidende Rolle spielen. Dies bedarf genauer Erklärung, weil diese Symbole ganz unterschiedlichen Quellen entstammen.

In einem ehemaligen Stift der Prämonstratenser, also reformierter Augustinerchorherren, ist das Herz ein deutlicher Hinweis auf den hl. Augustinus. Eines seiner zahlreichen Attribute, das mitunter in seiner Hand oder auf seiner Brust zu sehen ist, ist ein Herz (siehe Mitte oben und in der Mitte), das als „entflammtes“ dargestellt wird und oft sogar von einem oder kreuzförmig von zwei Pfeilen durchbohrt ist. Auf der Suche nach der Herkunft dieses Attributs stößt man auf eine Stelle in den ein ganzes Buch füllenden „Confessiones“ (Bekenntnissen) des Augustinus, einer Schrift, die als das längste Gebet aller Zeiten gilt. Dort schreibt der Verfasser (Conf. IX, 2,3): „Sagittaveras tu cor nostrum caritate tua, et gestabamus verba tua transfixa visceribus (…).“ Eine möglichst wortgetreue Übersetzung ist: „Du hattest unser Herz mit Deiner Liebe wie mit Pfeilen beschossen und wir trugen Deine Worte wie in unseren Eingeweiden steckengebliebene Pfeile.“ Die Pfeile stehen hier also für die Liebe und das Wort Gottes selbst. Bei Augustinus sind diese Bilder Zeichen seiner Sehnsucht nach Gottes Liebe und Seiner Wahrheit. Aus anderen Stellen seiner Werke wird deutlich, dass er dies auch versteht als Auftrag, sich dem Nächsten gegenüber in christlicher Liebe hingebungsvoll zu widmen: Ganz zentrale Aussagen aus der Tiefe der Persönlichkeit dieses Heiligen!

Dieses „neue“ Attribut des hl. Augustinus ist im Spätmittelalter erstmals belegt. Im „Neuen Kreuzgang“ findet es sich in den Schlusssteinen (ab 1499) allerdings gleich zweimal. So verwundert es nicht, dass alle Steinfelder Äbte ab 1630 in ihre Wappen das Element des von Pfeilen durchbohrten Herzens aufnahmen (Beispiele oben links und oben rechts). Identifizieren lassen sich die einzelnen Äbte dennoch sehr wohl, und zwar aufgrund der unterschiedlichen Anzahl und Stoßrichtung der Pfeile. Dabei kombinieren sie dieses Symbol mit den aus einer ganz anderen Tradition stammenden Elementen der Lilie und des Sterns, deren Anzahl ebenfalls je nach Abt variiert.

Der sechsstrahlige Stern erscheint erstmals 1265 in einem Steinfelder Siegelbild, und zwar als Rücksiegel. Ob ihm damals schon eine symbolische Bedeutung (etwa als „Meerstern“ für Maria) beigelegt wurde, ist unklar. Die Lilien entstammen der Ikonographie des hl. Potentinus und weisen, wenn auch in anachronistischer Verwendung, auf seine Herkunft aus dem heutigen Frankreich hin. In der Ende des 12. Jh. einsetzenden jüngeren Überlieferung treten dann die Pfeile als Zeichen des nun angenommenen „Martyriums“ zu den Attributen des Potentinus hinzu. In der festen Verbindung mit drei französischen Lilien machen diese Pfeile ohne Herz im frühen 16. Jh. das Wappen der Abtei aus, wie man an den beiden aus dem Kreuzgang stammenden Beispielen erkennt (unten links und Mitte).

Abt Michael Kuell (1693-1732) lässt in seinem Wappen auf dem Epitaph der Äbtegruft (Mitte rechts) bei den Pfeilen das Herz weg, obwohl er dies in anderen Verwendungen durchaus benutzt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt lässt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob in einem Steinfelder Wappen bei fehlendem Herz die „Potentinus-Pfeile“ oder die „Augustinus-Pfeile“ gemeint sind oder ob diese beiden Wappenbilder als mit Absicht oder auch aus Unkenntnis sozusagen „amalgamiert“ anzusehen sind. (Siehe das Beispiel vom Hochaltar Mitte links!)

Nur eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Das auf der Suche nach einem historisch aussagekräftigen, werbewirksamen Icon für die Corporate Identity der jetzigen Klosterbetriebe entwickelte Fancy-Wappenbild (unten rechts) hat es in der gezeigten Form nie gegeben. Es stellt vielmehr eine Kombination von Elementen aus den Wappen der Äbte Johannes Lohelius Begasse (1744-1750) und Gabriel Hilger (1750-1766) dar. Aber so besitzt auch der Klosterladen immerhin ein historisch einmaliges Wappen.

Text: Helmut J. Kirfel

Fotos: H. J. Kirfel – außer: o.M. und r. M. (M. Meisen); u. l. (G. Klinkhammer)