Die gotische Monstranz der Steinfelder Basilika

Im Zentrum des Fronleichnamsfestes steht Christi Gegenwart in der Eucharistie. Bei der Prozession wie auch beim Sakramentalen Segen rückt damit ein besonderer sakraler Gegenstand in den Blick: die Monstranz. Unsere Steinfelder Turmmonstranz ist eine unverdiente Kostbarkeit aus dem alten Steinfelder Stift, die von Fachleuten auf die Zeit um 1430 datiert wird: 63 cm hoch, silbervergoldet, mit einem achtlappigen Fuß, am Schaft ein weit vorstehender Nodus, um den Schaubehälter eine breite Hohlkehle, die mit zwölf Rosetten in blauer Emaille besetzt ist, eingerahmt von einem Krabbenkranz, darüber ein schmal gehaltener Fialenaufbau mit vielen liebevoll gestalteten Details einschließlich der Miniaturwasserspeier, im Baldachinaufbau ein Figürchen Mariens mit dem Kind, die Spitze gebildet von einem sorgfältig gearbeiteten Kruzifix, dessen Enden mit Perlen besetzt sind, die Lunula für die Aufnahme der Hostie verziert mit 14 Diamanten (zwölf davon stammen erst aus dem letzten Jahrhundert). Der Vergleich mit der sehr ähnlichen gotischen Sakramentsmonstranz (ca. 1400) im Kölner Domschatz (Inv. L 32) legt eine Kölner Werkstatt nahe.

Eine Besonderheit dieser Monstranz stellen die fünf angehängten Schaumünzen und -medaillen dar, für deren Umschriften und Motive bisher noch keine dokumentierte Entzifferung vorliegt mit Ausnahme einer Medaille, deren Entzifferung jedoch fehlerhaft ist. Daher soll hier ein neuer Versuch für alle fünf Objekte unternommen werden.

Die größte Medaille in der Mitte (1) zeigt auf der Vorderseite (VS) die Kreuzigung Jesu und hält den Augenblick fest, in dem ein Soldat mit seiner Lanze Jesus die Seitenwunde beibringt. Die Umschrift lautet in Anspielung auf Joh 3,14 in Übersetzung: „Wie Moses eine eherne Schlange in der Wüste aufgestellt hat, so hat Christus, erhöht am Kreuz und auferstanden ins Jenseits, das Haupt der Schlange zertreten, um all die zu retten, die glauben.“ Die Rückseite (RS) zeigt den Sündenfall im Paradies mit der Umschrift, die 1 Kor 15,22-23 leicht abwandelt: „Und gleichwie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle wieder lebendig gemacht werden, ein jeder aber in seinem Stand.“ Die Kölner Domschatzkammer verwahrt eine Medaille gleicher Prägung (Inv. L 241) und datiert sie zwischen 1532 und 1547.

Die kleine Medaille rechts daneben (2) zeigt auf der VS einen Schäfer mit Nimbus, der ein Schaf über seinen Schultern trägt und einen Hirtenstab mit schaufelartiger Krücke unter dem linken Arm hält. Dazu die passende Umschrift: „Ich bin der gute Hirte.“ Auf der RS sehen wir das Bildnis eines Papstes, der sein Haupt mit einem Camauro bedeckt hat. Die Umschrift erweist ihn als Innozenz XI. Wenn die danach folgende Abkürzung „PONT∙M∙A∙V“ mit „pontifex maximus anno quinto“ zutreffend übersetzt und die Medaille damit in das fünfte Amtsjahr Innozenz‘ XI. (1676-1689) datiert wird, stammt sie aus dem Jahr der Wahl Theodor Firmenichs zum Abt von Steinfeld (01.10.1680). Ob dieses Ereignis mit dem Erwerb der Medaille für die Monstranz zusammenhängt, lässt sich allerdings nicht sicher sagen.

Die mittelgroße Medaille rechts außen (3) hat auf ihrer VS ein Bild des thronenden Kaisers Karls V. mit der Umschrift „V[on] G[ottes] Gnaden Karolus der V. Rö[mischer] Kaiser wart geborn im 1500“; auf der RS dazu passend der thronende Christus mit der Umschrift „Ihesus Christus ain kynig in himel und der erden 1550“ (nicht 1500, wie bisher zu lesen ist). Wenn diese Medaille zum 50. Geburtstag des Kaisers 1550 schon nach Steinfeld gelangt ist, spricht einiges dafür, dass sie von der kaisertreuen Haltung des Steinfelder Stifts zeugt und von seiner Unterstützung Karls V. zur Zeit des Augsburger Reichstags von 1550/51, auf dem er sich nur mühsam der protestantischen Fürstenopposition erwehren konnte. Es ging dabei auch um die Gewährung der Finanzierung eines Kriegszuges gegen die Stadt Magdeburg.

Die kleine Münze links der Mitte (4) hat auf der nach vorne weisenden RS Jesus Christus mit Nimbus, umgeben von der Umschrift „Dir allein (sei) die Ehre“, und auf der VS den knienden Dogen Andrea(s) Grit(t)i (77. Doge von Venedig 1523-1538), der von dem vor ihm stehenden hl. Markus mit dem venezianischen Regierungssymbol, dem Gonfalone (Stab mit Kreuz), belehnt wird. Die Umschrift lautet entsprechend: „ANDREAS GRITI S[ANCTO] M[ARCO] VENET[IAE] DUX“. Es handelt sich also um einen echten venezianischen Dukaten aus dem frühen 16. Jahrhundert.

Die Medaille links außen (5) schließlich zeigt auf der VS die beiden Freunde David und Jonathan, Sohn König Sauls, im Gespräch. Ausweislich der Umschrift handelt es sich um die Szene, in der Jonathan Worte der Ermutigung, der Unterstützung und des Trostes an David richtet, den Saul  aus Eifersucht und Rache zu töten plant. (1 Sam 20) Die auf der RS abgebildete bekanntere Szene zeigt den riesengroßen Goliath mit einem Speer „wie ein Weberbaum“ und David, den kleinsten Sohn Isais, der den Vorkämpfer der Philister mit einem Stein aus seiner Hirtenschleuder niederstreckte, dem Wehrlosen anschließend mit dessen eigenem Schwert den Kopf abhieb und so die Feinde in die Flucht schlug, ohne auch nur eine Waffe in der Hand gehalten zu haben. (1 Sam 17) Auch in diesem Falle findet sich eine Medaille von gleicher Prägung im Kölner Domschatz (Inv. L 247), wird dem Medailleur Wolf Milicz in Joachimsthal zugeschrieben und auf die Mitte des 16. Jh. datiert.

Unsere Monstranz wird auch bei der für den Herbst geplanten großen Ausstellung „900 Jahre Prämonstratenser“ in Magdeburg zu sehen sein.

 

Die Umschriften in der jeweiligen Originalsprache:

(1) VS: UT MOSES EREXIT SERPENTEM IN [DESER]TA (sic!) CHRISTUS IN CRUCE EXALTATUS, ULTRA SUSCITATUS CAPUT SERPENTIS CONTRIVIT UT SALVARET CREDENTES                                                                                                              

      RS: ET SICUT IN ADAM OMNES MORIUNTUR ITA ET IN CHRISTUM OMNES VIVIFICABUNTUR UNUS QUISQUE IN ORDINE SUO

(2) VS: EGO SUM PASTOR BONUS

       RS: INNOCEN[TIUS] XI PONT[IFEX] M[AXIMUS] A[NNO] V

(3) VS: V[ON] G[OTTES] GNADEN KAROLUS DER V. RÖ[MISCHER] KAISER WART GEBORN IM 1500

      RS: IHESUS CHRISTUS AIN KYNIG IN HIMEL UND DER ERDEN 1550

(4) VS: TIBI SOLI GLORIA

       RS: ANDREAS GRITI S[ANCTO] M[ARCO] VENET[IAE] DUX

(5) VS: IONATHAN CONSOLATUR DAVID I REGUM DECIMO TERTIO XIII XXXVII

       RS: DAVID PERCUSSIT GOLIATH PHILISTEUM PRIMI REGUM XVII

(Anm.: Die beiden „Bücher Samuel“ und die beiden „Bücher der Könige“ der hebräischen Bibel werden in der Vulgata als vier „Bücher der Könige“ gezählt.)

Text:      Helmut J. Kirfel

Fotos:    Manos Meisen