Die Michaelskapelle der Basilika Steinfeld und ihre Geheimnisse (2)

Wirft man vor dem Betreten der Basilika einen Blick nach oben, so sieht man über der Eingangstür den oberen Teil eines alten romanischen Fensters, der nun als eine Art Oberlicht des Eingangs dient, sowie darüber in der Höhe ein weiteres Fenster im Turm. Jeder erkennt sofort, dass der Abstand zwischen diesen beiden Fensteröffnungen mehrere Meter beträgt. (Südansicht)

Geht der Blick innen nach oben an die Decke, wundert man sich, dass zwischen „Oberlicht“ und Decke nur wenige Zentimeter Wand zu sehen sind. Steigt man nun die Wendeltreppe zur Michaelskapelle hoch und betritt dann den daneben liegenden Raum im Südturm, so wundert man sich erneut, dass unter dem oberen Fenster ebenfalls nur einige Dezimeter Platz bis zum Fußboden ist. (Südturm, Schnitt gegen Süden)

Was ist mit den von außen sichtbaren ca. drei Metern Wand passiert? Sie können innen nicht einfach verschwunden sein! Ein Vergleich des Bodenniveaus der beiden Turmgeschosse innen von der Michaelskapelle aus bestätigt, dass diese Ratlosigkeit gerechtfertigt ist. Architekturzeichnungen aus den 1930er Jahren (Josef Kurthen) geben erstmals Aufschluss: Zwischen der Magdalenenkapelle unten (heute Eingangsbereich zur Vorhalle) und dem oberen Raum im Südturm mit dem rechteckigen Fenster befindet sich eine Räumlichkeit, so groß wie ein kleines Zimmer, in dem ein Mensch leicht gebeugt aufrecht stehen kann. Dies ist die einzige wirklich „geheime“ Kammer der Basilika, geplant und gebaut wohl im Laufe des 17. Jahrhunderts als Versteck, in dem in Kriegszeiten die künstlerisch wertvollen Glasscheiben des Kreuzgangs nach mehr oder weniger vorsichtigem Ausbau, in eigens dafür geschreinerten Holzkisten aufrecht stehend, vor Plünderern versteckt wurden. (Zugang: siehe Schraffur auf der Südansicht!)

Sechsmal wurden die Bildscheiben ausgebaut, viermal wurde das „Versteck“ benutzt (1672-1679, 1689-1698, 1702-1715 und 1785). Nach 1785 wurden die Scheiben verkauft und gelangten schließlich nach England, wo sie in zahlreichen Kirchen und einem Herrenhaus Wiederverwendung fanden, bevor eine größere Zahl von ihnen 1920 von einem Ungenannten ersteigert und dem Victoria and Albert Museum in London zur Aufbewahrung übergeben wurden.

Ob in dem Geheimversteck – wenigstens zeitweilig – sich auch Menschen aufhielten, die den Raum als „Ausguck“ in Kriegszeiten benutzten, wie es der Zeichner auf dem Plan aus unserem Pfarrarchiv nahelegt, ist unklar, eher wohl unwahrscheinlich. (Südturm, Schnitt gegen Osten)

Dass es einen – strengstens verbotenen – Zugang zu diesem Raum unterhalb des großen gotischen Fensters gab, ist bekannt. Früher soll ein davor stehender Sakristeischrank mit einer herausnehmbaren Rückenwand eine zusätzliche Sicherung vor Entdeckung dargestellt haben, was jedoch nicht wirklich belegt ist. (Michaelskapelle gegen Süden)

Heute ist der Eingang jedenfalls versperrt, der Zugang zu dem „Versteck“ selbst gilt als vermauert – denkt man! – Alles Weitere demnächst!

Text:   Helmut J. Kirfel

Foto:  Helmut J. Kirfel – Bearb.:  Manos Meisen