Die Michaelskapelle der Basilika Steinfeld und ihre Geheimnisse (4)

Als Manos Meisen mir das Foto zeigte, das er gerade „geschossen“ hatte, war mir spontan klar, dass das darauf zu Sehende das Potenzial für eine echte kleine Sensation hatte. Wir befanden uns in der Michaelskapelle oben hinter der Orgel, und zwar vor dem großen Südfenster (siehe Bild oben links, blauer Pfeil). Er hatte eine Nahaufnahme des Maßwerks gemacht und dabei neben den üblichen Glasscheiben auch zwei besondere, „bunte“ entdeckt. Wie kamen die an diese Stelle und woher stammten sie, was war darauf abgebildet?
 
Wenn man zahlreiche Steinfelder Kreuzgangfenster des 16. Jh. im Original und die meisten anderen erhaltenen wenigstens in Buntdruck gesehen hat, außerdem einige wiederkehrende Kompositionselemente kennt, darf man vielleicht auch als Nichtfachmann die Hypothese wagen: Diese beiden kleinen Glasscheiben stammen aus einem ansonsten verloren gegangenen Fensterelement unseres Kreuzgangs. Verändert man die jetzige Anordnung ein wenig, kann man auf der größeren Scheibe Teile eines klerikalen Gewandes und auf der kleineren das Ende eines Stabes (Abts-, Bischofs-, Kreuzstab?) vor einer den Boden berührenden klerikalen Gewandung ausmachen.
 
In der Fachliteratur ist auf dem Hintergrund zweier „Fensterkataloge“ von 1632 und 1719 als Quellen genauestens dokumentiert, wer und was auf den einzelnen Glasbildern dargestellt war. Moderne Kunsthistoriker haben außerdem genauestens erforscht, welche Kreuzgangscheiben nicht mehr erhalten sind. Auf der langen Suche nach irgendeinem Anhaltspunkt für die Bestätigung meiner Vermutung in der nur noch mit Mühe zu übersehenden Spezialliteratur war ich kurz davor zu resignieren. Da fiel mir eine abgelegene, winzige Fußnote ins Auge. Sie fand sich in einem Aufsatz im „Trierischen Archiv“ von 1910 mit dem Titel: „Über die Glasgemälde im Kreuzgang der ehemaligen Prämonstratenserabtei Steinfeld“.
 
Hier präsentiert Heinrich Oidtmann, Arzt und Begründer der modernen wissenschaftlichen Erforschung der rheinischen Glasmalerei, unter anderem eine „Inhaltsangabe“ der „Annotatio figurarum“ von 1632. Hier sind erstmals alle Darstellungen auf den 29 Fenstern, geordnet nach Sockelbildern, Hauptbildern sowie Bogen- und Maßwerkbildern erfasst.
 
Die besagte Fußnote (S. 88) lautet lakonisch: „In der Sakristei noch zwei Steinfelder Scheibchen.“ Sie bezieht sich auf Fenster 21, dort auf das linke (verlorene) Sockelbild. Es zeigte den hl. Stanislaus (Märtyrerbischof von Krakau, von seinem König am Altar ermordet 1079) und vor ihm kniend einen der beiden Stifter des Fensters, den Pfarrer von Fritzdorf, Heinrich Naisso Naas). Nachforschungen haben ergeben, dass kein noch lebender Küster oder Priester in Steinfeld die beiden „Scheibchen“ je in der Sakristei oder sonst wo gesehen hat, so dass kaum etwas der Vermutung widersprechen dürfte, dass diese irgendwann zwischen 1910 und etwa 1950 (am ehesten wohl im Rahmen der großen Instandsetzungsarbeiten zwischen 1930 und 1938) zur Reparatur unseres Südfensters benutzt wurden. Eine recht passende Stelle, wenn man bedenkt, dass unmittelbar unter diesem Fenster der Zugang zu dem Raum liegt, in dem genau diese wertvollen Scheiben über Jahrhunderte vor Kriegsplünderung und Raub versteckt zu werden pflegten.
So bleibt zuletzt noch der Versuch eines Motiv- und Formvergleichs.
 
Fünf Scheiben des Fensters 21 sind erhalten, von den drei Sockelscheiben zwei. Die mittlere zeigt die Gottesmutter und Christus als Salvator, die rechte den hl. Bischof Lambertus und kniend ihm zugewandt den Stifter Jakob Scheven, Pfarrer von St. Lambertus in Bengen. Von anderen Fenstern ist bekannt, dass die Motive bzw. Personen (Stifter und ihre Patrone) im rechten und linken Sockelfenster meist spiegelbildlich angeordnet waren: Der Heilige steht jeweils innen, der Stifter im Prämonstratenserhabit kniet ihm zugewandt außen. Der Bischofsstab des Heiligen ist daher im rechten Bild leicht geneigt von oben rechts nach unten links, im linken Bild von oben links nach unten rechts.
 
Die Gewänder beider Personen berühren, Falten werfend, den Boden. Eine Skizze des Priors Latz von 1632 bestätigt dies ebenfalls für das linke Sockelbild des Fensters 21. Der Fensterkatalog von 1719 fügt hinzu: „Man sieht dort auch, wie der hl. Stanislaus im bischöflichen Gewande vor dem Altar das Martyrium erleidet.“ Warum nun hat Naas den hl. Stanislaus als Patron? Zu seiner „Steinfelder“ Pfarrei Fritzdorf (seit 1295 in das Steinfelder Stift inkorporiert) gehörte auch die Kapelle in Arzdorf, deren Patrone neben der Gottesmutter die Heiligen Stanislaus, Antonius und Servatius waren.
 
Fazit: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dürfen wir also davon ausgehen, dass die beiden „Scheibchen“ in unserer Michaelskapelle die einzigen Teile der wertvollen Kreuzgangverglasung sind, die Steinfeld nach 1785 nie verlassen haben.
 
Text: Helmut J. Kirfel
Fotos: Manos Meisen