Die Michaelskapelle der Basilika Steinfeld und ihre Geheimnisse (3)

 
Manos Meisen ist nicht nur ein großartiger Fotograf, sondern auch ein wunderbarer, von Neugier und Spürsinn getriebener Erkunder alles Unbekannten und Geheimnisvollen. Zu unserem zweiten Fototermin in der Michaelskapelle tauchte er mit allerhand Arbeitsmaterial auf, das ich bei ihm überhaupt noch nicht kannte: Kabelrolle, diverse Leuchtmittel, Messstab … – Schnell wurde klar, was er vorhatte:
 
Lässt man sich durch die normalerweise verschlossene Öffnung unterhalb des großen Südfensters der Michaelskapelle hinab unter das Pultdach über dem westlichen Ende des südlichen Seitenschiffs – ein Unterfangen, das Unbefugten selbstverständlich streng untersagt ist – so landet man in einem engen Raum neben einer recht großen und dicken Steinplatte. Ihre Abmessungen und Form lassen sogleich erkennen, dass sie zum Verschluss einer Bodenöffnung gleich neben ihr diente.
 
Durch diese enge Bodenöffnung abwärts gelangt man in einen winzigen Vorraum auf etwas niedrigerem Niveau, von dem man nach Westen hin einen 90 cm hohen und 60 cm breiten tunnelartigen Gang entdeckt, der ausweislich der erhaltenen Rahmenkonstruktion mit einer dicken, schweren (möglicherweise eisenbeschlagenen) Eichentür verschließbar war. In einer Länge von 1,30 durchbricht dieser Gang die massige Ostwand des südlichen Westwerkturms. Hat man sich durch Schutt und allfälligen Unrat so mancherlei Getiers hindurchgekämpft, gelangt man endlich zum ersehnten Ziel: einem 3,25 m langen, 2,55 m breiten, leicht tonnengewölbten Raum, an den Längsseiten 1,40 hoch, in der Mitte 1,70, so dass eine kleine Person hier gerade mal aufrecht stehen kann. Dies ist das angeblich „vermauerte“ Versteck für die phasenweise ausgebauten, aus dem 16. Jahrhundert stammenden, wertvollen Glasscheiben des „Neuen Kreuzgangs“.
 
Alles findet sich genau in der Form wie in der Architekturzeichnung aus den 1930er Jahren dokumentiert, sogar der schießschartenartige „Ausguck“. Dieser ist allerdings nach außen nicht mehr offen. Auf einer verputzten Fassade würde er ja auch „verräterisch“ wirken. Auf der ursprünglich unverputzten, steinsichtigen Oberfläche fiel diese Öffnung in dieser Höhe einem uneingeweihten Betrachter sicherlich nicht auf.
 
Dann aber folgt die eigentliche Überraschung der vermeintlichen „Neuentdecker“ des 21. Jahrhunderts: Wände und Decke des „Verstecks“ sind übersät mit Graffiti, meist Namen und Daten. Natürlich liegt es nahe, sich die Namen näher anzusehen, und die anfängliche Vermutung bestätigt sich: Steinfelder Internatsschüler aller Zeiten haben sich hier „verewigt“. Eintragungen aus der Zeit von 1904 bis 1915 (also aus der späten Periode der preußischen Erziehungsanstalt) stehen neben solchen von 1925 bis 1938 (das heißt aus der Frühzeit der salvatorianischen Niederlassung und ihrer Schule vorrangig für den Ordensnachwuchs). Auch nach 1949 setzen sich die Graffiti fort mit einem zahlenmäßigen Schwerpunkt in den Jahren zwischen 1954 und 1958.
 
Ein Name fällt dabei ins Auge: „F. Kebekus 1957“: Also war der langjährige Hausobere Pater Pankratius SDS, der mit Taufname Friedrich hieß, in seiner Steinfelder Internatszeit ebenfalls hier. Fast schon denkt man, dass der Spuk dann wohl aufhörte. Aber weit gefehlt! Denn erst am 11. April 1994 findet sich eine der letzten Eintragungen, diesmal sogar der Name eines dem Verfasser noch bestens bekannten Mädchens, des einzigen in diesem „Versteck“, wenn ich richtig sehe. Er soll aus Datenschutzgründen hier natürlich ungenannt bleiben. Die Betroffene darf sich aber gerne selber melden! Die Verjährungsfrist für „Mutproben“ dieser Art ist abgelaufen.
 
Als Fotograf und Autor, verdreckt wie die Höhlenforscher, die Michaelskapelle schließlich verließen, stellten wir uns die Frage: Waren wir vielleicht die einzigen, die dieses „Geheimversteck“ noch nicht aufgesucht hatten?
 
Text: Helmut J. Kirfel
Fotos: Manos Meisen