Das Geheimnis der modernen Glasmalkunst in der Basilika Steinfeld

Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage zweier Gäste anlässlich einer Führung, welcher Künstler zu welcher Zeit die modernen Fenster in den Querhauskapellen und im südlichen Seitenschiff geschaffen habe, fiel auf, dass es zu diesem Thema in der reichlich vorhandenen Steinfeld-Literatur nicht eine einzige Aussage gibt, weder in der Gegenwart, noch in der Vergangenheit.

Zuverlässige Auskunft findet man zu dieser Thematik sehr oft in der Internet-Datenbank der „Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts e. V.“. Verzeichnet sind hier tatsächlich zwei (von vier) Kapellenfenstern aus unserem Querhaus („Antikglas / Blei / Schwarzlot“) des Künstlers Robert Pudlich (25.01.1905-24.10.1962) sowie alle sieben Seitenschifffenster von Willy Weyres (31.12.1903-18.05.1989). Weyres soll die Fenster mit Flechtbandornament zwischen 1931 und 1938 geschaffen haben. Dies ist der Zeitraum, in dem der spätere Kölner Dombaumeister (1944-1972) die Leitung der Instandsetzungsarbeiten an der Basilika Steinfeld innehatte. Die Auskunft, Pudlich habe seine Fenster „vor 1963“ geschaffen, hilft nicht weiter, da das ja nur heißt „zu Lebzeiten“. Die Formulierung könnte aber irrigerweise nahelegen, dass dies Arbeiten aus den Jahren kurz vor seinem Tod seien.

Der damalige Landeskonservator Franz Graf Wolff Metternich aber schreibt in seinem Arbeitsbericht über das Jahr 1936: „… schließlich wird die minderwertige Fensterverglasung des 19. Jahrhunderts in den Chorkapellen erneuert.“ Da darüber hinaus bekannt ist, dass Werke Robert Pudlichs (erst ab 1955 Prof. an der Kunstakademie Düsseldorf) schon 1937 von den Nazis als „Entartete Kunst“ eingestuft wurden und er sich ab 1942 auf Schloss Libermé (Kettenis) „in Sicherheit“ zu bringen versuchte, geraten die Umstände der Entstehung unserer modernen Querhausfenster in ein merkwürdiges Licht, das nur das Archiv aufhellen kann.

Die Akten des Pfarrarchivs (PA Steinfeld 258) zeigen, dass die Erneuerung der Fenster der Chorkapellen spätestens ab 1933 in den To-Do-Listen des leitenden Architekten fest eingeplant war, und zwar mit einem Betrag von 1.000 RM, was damals immerhin dem Wert eines neuen Kleinwagens entsprach. Ein Künstler wird namentlich zu keinem Zeitpunkt genannt. Auffällig erscheint als nächstes, dass in der Planungsübersicht für 1935/36 die Zeile mit den „Fenster[n] der 4 Chorkapellen“ durchgestrichen ist. Gleichzeitig geht aus einem handschriftlichen Zusatz hervor, dass das Kloster von dem aufgeführten Gesamtbetrag 1.000 RM zu übernehmen bereit ist. Die Chor- oder Querhauskapellenfenster finden danach in den Akten nirgendwo mehr Erwähnung, sind aber offenbar Ende 1936/37 ausgeführt worden.

Das alles legt den Schluss nahe, dass Robert Pudlich diese vier Fenster 1936/37 wirklich fertiggestellt hat, den NS-Verwaltungsbehörden gegenüber jedoch „aus dem Schussfeld“ genommen und vom Kloster Steinfeld unmittelbar bezahlt wurde. Dies wäre ein weiteres, in das bisherige Bild passendes Beispiel für die Gratwanderung des Steinfelder Klosters zwischen möglichst unauffälligem Verhalten im damaligen politischen Leben einerseits und unspektakulärer, indirekter Unterstützung auch politisch missliebiger Zeitgenossen, hier eines Künstlers, wenn dies geboten erschien. Die Rolle von Willy Weyres bleibt unklar, aber im Bilde muss er ebenso gewesen sein wie Wolff Metternich.

Die vier Fenster Robert Pudlichs, der von der „Neuen Sachlichkeit“ geprägt war, zeigen auf unserer Collage in der Mitte im Uhrzeigersinn und in der Reihenfolge der Kapellen von Nord nach Süd: 1. Norbert von Xanten als Erzbischof mit Pallium und als Verteidiger der Eucharistie mit dem Kelch (statt der traditionellen, aber anachronistischen Monstranz) in der Rechten; 2. Gottesmutter mit Kind; 3. Hl. Josef mit dem Winkel in der Hand als Attribut des Zimmermanns; 4. Hl. Johannes der Täufer als Bußprediger mit dem Schriftzug „Tut Buße“.

Text und Fotos: Helmut J. Kirfel