Die Statuen der Ordensgründer in der Basilika Steinfeld

Wer unter den Freunden der Basilika Steinfeld kennt sie nicht, die lebensgroßen hölzernen Skulpturen mit weiß gehaltenen Ordensgewändern, die mit Goldrändern gesäumt sind, die Köpfe naturalistisch anmutend mit ernstem, eindringlichen Gesichtsausdruck, vergleichsweise schlichte Kunstwerke aus dem Anfang des 18. Jh., zum Betrachten aus der Ferne gedacht in typisch imposanter barocker Manier? – Benedikt mit Abtsstab und Buch, auf dem ein Kelch steht, heute ziemlich versteckt ganz hinten gleich neben der Orgelbühne; die Dreiergruppe an der südlichen Wand des südlichen Querhauses mit dem „Strickträger“ Franziskus, der ein Kreuz in den Händen hält, Augustinus, gewandet als Bischof von Hippo und mit dem für ihn typischen Attribut des pfeildurchbohrten Herzens, sowie Bruno von Köln mit einem Totenschädel in der linken Hand; über dem Eingang zur Sakristei Norbert von Xanten als Erzbischof von Magdeburg mit Patriarchenkreuz und Monstranz; die restlichen vier im Südflügel des Kreuzgangs: Philipp Neri mit Lilie, Bernhard von Clairvaux in Mönchskleidung und als Kreuzzugsprediger mit dem Kreuz in den Händen, Ignatius von Loyola mit einem aufgeschlagenen Buch, in dem man sein Lebensmotto lesen kann: Omnia ad maiorem Dei gloriam [Alles zur größeren Ehre Gottes], und schließlich Dominikus mit Buch in der Rechten und einem Rosenkranz in der Linken, weil eine Legende aus dem 15. Jh. ihn zum „Erfinder“ des Rosenkranzes machte, den er von Maria selbst geschenkt bekommen habe.

Die Frage nach dem Sinn dieser Ansammlung auch fremder Ordensgründer in einem Prämonstratenserstift wird gewöhnlich mit der Antwort beschieden, die Chorherren hätten ihr entspanntes, ja freundliches Verhältnis zu den Mitgliedern anderer Orden dadurch unterstreichen wollen, um so auch der Gemeinsamkeit des Zieles der gesamten christlichen Ordensfamilie auf ihren je eigenen Wegen Ausdruck zu geben. Das mag nicht falsch sein, aber es ist sicherlich nicht die ganze Wahrheit. Denn die bis in die 1930er Jahre sichtbare ursprüngliche Positionierung von insgesamt elf Skulpturen im Mittelschiff der Basilika war von geradezu programmatischer Deutlichkeit.

Dort zählt man vom Pfeiler vor der Orgelbühne bis zum letzten Pfeiler vor der Vierung insgesamt sechs Pfeiler. Vor den dem Mittelschiff zugewandten Flächen war in mehreren Metern Höhe je eine der neun Figuren jeweils auf einer Konsole aufgestellt. Besonders aussagekräftig sind dabei einerseits die Reihenfolge vom Altar aus gesehen und andererseits die Unterscheidung zwischen der herausgehobenen „Evangelienseite“ (EvS) vom Altar aus rechts und der nachrangigen „Epistelseite“ (EpS) vom Altar aus links.

Die erste Position auf der EvS vor den Ordensgründern nahm die Gottesmutter ein mit einer Skulptur des 18. Jh., nur etwa 1,50 m hoch, die heute in der Hauskapelle des Klosters zu sehen ist. Maria hält ein Rosenzepter in ihrer rechten Hand und das nur mit einem Lendentuch bekleidete Jesuskind auf dem linken Arm. Sie ist die besondere Patronin der Prämonstratenser, auf deren Geheiß hin Norbert die Gemeinschaft gründete. Daher ist es konsequent für ein OPraem-Stift, Maria den Ehrenplatz einzuräumen. Die zu Maria gehörige Josefsfigur, den Mantel locker vor den Leibrock geschlungen, auf dem Arm das Jesuskind, das seine Händchen lebhaft nach ihm reckt, eine Skulptur, die meist ins 17. Jh. datiert wird und sich heute in der Josefskapelle befindet, war am gegenüberliegenden Pfeiler auf der EpS aufgestellt.

Dem Vater Augustinus, dem die Regeln der Augustinerchorherren in ihrem Kern zugeschrieben werden, gebührte dann die erste Position unter den Ordensstiftern, also am Pfeiler gleich „nach“ der Gottesmutter auf der EvS. Es folgte gegenüber auf der EpS der Gründer der Prämonstratenser, Vater Norbert. Das nächste Paar wurde gebildet von Benedikt, dem Vater aller Benediktiner, auf der prestigeträchtigen EvS und auf der EpS Bruno von Köln als dem im Erzbistum beheimateten, ebenfalls dem Benediktinerorden entstammenden Gründer der streng asketischen Kartäuser, die Kloster- und Eremitenleben miteinander verbinden. Auf der EvS folgte nun die Kanzel. Ihr gegenüber auf der EpS wurde Bernhard von Clairvaux, dem benediktinischen Reformer und Gründer der Zisterzienser, der nächste Rang eingeräumt. Weiter nach hinten folgten am nächsten Säulenpaar die Gründer der Bettelorden, auf der EvS Dominikus für den Predigerorden und auf der EpS Franziskus, der „Poverello“ von Assisi. Auf der letzten Position vor dem Ausgang fanden sich die aus damaliger Sicht „neuen“ Ordensgründer des 16. Jh., auf der EvS Ignatius, der Gründer der Gesellschaft Jesu, und gegenüber auf der EpS der „fröhliche Heilige“, Philipp Neri, der Begründer der Oratorianer.

Es dürfte fraglich sein, ob sich die Vertreter der verschiedenen Gemeinschaften mit dieser „Rangordnung“ einverstanden erklärt hätten. Aber hier hatten halt die Hausherren die Deutungshoheit und das Sagen. Die Aufstellung heute dürfte – mit Ausnahme von Norbert und Augustinus – eher willkürlicher Natur sein.

Text:    Helmut J. Kirfel

Fotos:  Manos Meisen