Die Steinfelder Altäre – Geschichte und Bildprogramm (7): Der Marien- oder Muttergottes-Altar (1702)

Den Seitenaltar, der der Muttergottes geweiht ist, finden wir in der Steinfelder Basilika im dritten Langhausjoch auf der rechten, südlichen Seite. Das Altargemälde, Leinen auf einer Holzunterlage, zeigt Maria nicht als hoheitlich anmutende Himmelskönigin, sondern als frauliche, mütterliche, nahbare Person mit dem Jesuskind in recht natürlicher Pose im linken Arm. Sie hat den Blick auf den Betrachter gewandt, scheint ihn ganz persönlich ansprechen zu wollen und hält ihm mit ihrer Rechten zwei durch Träger miteinander verbundene Stoffstücke entgegen.
 
Zwei der sie umgebenden Engelputten weisen mit ihren Händen auf diesen Gegenstand und halten zur Erläuterung zwei beschriebene schildartige Tafeln in der jeweils anderen Hand. Die beiden lateinischen Aufschriften lauten in Übersetzung: „Schau, das Zeichen des Heils, Rettung in Gefahren!“ und „Siehe, das Zeichen, wer auch immer in diesem [Zeichen] stirbt, wird das ewige Feuer [der Hölle] nicht erdulden [müssen].“
 
Diese Szene spielt an auf eine Vision des englischen Karmeliters Simon Stock, in der ihm am 16. Juli 1265 auf seinem Totenbett die Jungfrau Maria erschien und ihm mit den genannten Worten dieses Skapulier genannte Kleidungsstück überreichte. Aus dieser Zusage erwuchs eine neue Gebetsverbrüderung, die Skapulier-Bruderschaft, die weltweite Verbreitung fand und 1663 auch in Steinfeld begründet wurde. Dies wissen wir auch aus dem Chronogramm über der erhaltenen Bruderschaftstafel, auf der zahlreiche kleine Holztäfelchen angebracht waren, von denen jedes den Namen eines Mitglieds trug.
 
Als 1858 die Steinfelder Kapelle in Krekel zur Pfarrkirche erhoben wurde, verlegte man den Sitz dieser Bruderschaft dorthin. Das alte Steinfelder Mitgliederbuch weist für die Zeit von 1663 bis 1823 insgesamt 513 namentlich genannte Mitglieder auf, die nicht nur aus dem Bereich der alten Pfarrei stammten, sondern auch aus dem weiteren Umfeld, ja sogar aus Münstereifel, Kerpen, Kornelimünster, Köln und Engelskirchen.
 
Bei den Renovierungsarbeiten in den 1930er Jahren wurde die Steinfelder Mitgliedertafel gereinigt, restauriert und umfunktioniert. Sie enthält nun neben einigen (inhaltlich inzwischen teilweise überholten) lateinischen Bemerkungen zur Steinfelder Geschichte die Namen und Amtsjahre aller Pröpste und Äbte des alten Steinfelder Stifts von 1121 bis 1802 und anschließend aller Pfarrer, zunächst der „weltlichen“ von 1802 bis 1923, und dann der salvatorianischen von 1923 bis zur Gegenwart.
 
Die Zusagen der Gottesmutter und auch die aus praktischen Gründen verkleinerte Form des Skapuliers könnten nicht nur den modernen Betrachter dazu verleiten, in diesem Kleidungsstück, das unter der Kleidung auf der Haut getragen wurde, so etwas wie ein Amulett zu vermuten, dessen magische Wirkung mehr Aberglaube als christlichen Glauben bei seinen Trägern vermuten lassen dürfte.
 
Das hat aber auch die Kirche schon vor 400 Jahren gefürchtet und deshalb 1613 per Dekret festgestellt: Die Hilfe der Gottesmutter ist nur dem zugesagt, der sich bei seinem Tod „im Stande der Gnade“ befindet. Er oder sie soll nach einem Leben des regelmäßigen Gebets, der Einhaltung des kirchlich gebotenen Fastens und der Abstinenz an mindestens zwei Tagen der Woche sowie des Empfangs der Sakramente gemäß kirchlicher Vorschrift seine ganze Existenz als eine gottgeweihte dem Herrn über Leben und Tod entgegenhalten. Die beiden Stücke groben Stoffs sind dann eigentlich nur „Hilfsmittel“ der Erinnerung und Mahnung, in dieser Frömmigkeit zu keinem Zeitpunkt nachzulassen.
 
In Krekel fanden mit 16 Frauen und Männern aus Sistig die letzten Aufnahmen in die Skapulier-Bruderschaft im Jahr 1954 statt. In Steinfeld wurden 1916 die Rosenkranzbruderschaft die Nachfolgerin der alten „Sodalitas Sacri Scapularis“ und der Marienaltar zum Rosenkranzaltar.
 
Text: Helmut J. Kirfel
Fotos: Manos Meisen