Abraham und Isaak: Gehorsam und Vertrauen

Es dürfte eine der bekanntesten Geschichten des Alten Testamentes sein: Abraham hat von Gott die Weisung erhalten, ihm seinen Sohn Isaak als Opfer darzubringen. Was mag in Abraham vorgegangen sein? Er soll einen Unschuldigen töten; ein Kind gar oder aber einen inzwischen längst Erwachsenen, der nicht einmal gefragt wird, sondern auch jetzt dem Vater nur gehorsam zu sein hat, obwohl es um sein Leben geht; den einzigen, langersehnten, geliebten Sohn Saras, seiner Frau, die vor Kummer sterben wird; den Nachkommen, auf dem Gottes Versprechen an Abraham („Vater einer großen Menge“) ruht, er werde Stammvater eines großen Volkes werden?
 
Dass Abraham sich trotz allem anschickt, seinem Gott diesen Gehorsam zu erweisen, hat schon so manch einen, der von sich behauptete, er handle in Gottes Namen, in zweifelhafter Deutung der Schrift dazu geführt oder besser „verführt“, einen ebensolchen unbedingten, geradezu verstörend anmutenden Gehorsam einzufordern. Dabei wird offenbar übersehen, dass Gott durch seinen Engel Abraham in den Arm fällt. In unserem Wandbild vom Gurtbogen zwischen Vierung und Chor greift Gottes Engel gar an die Klinge von Abrahams Schwert: Gott will ein solches Opfer nicht! Abraham nimmt stattdessen einen Widder, der sich im nahen Gebüsch verfangen hat. Im Neuen Testament schließlich ist die Selbsthingabe Jesu am Kreuz für unser Heil das letzte, unüberbietbare, definitive Opfer.
Vielleicht hegte Abraham insgeheim ja auch das Vertrauen, dass Gott diese Tat keinesfalls zulassen werde. Hatte Abraham doch auf Isaaks Frage nach dem fehlenden Opferlamm geantwortet: „Gott wird sich das Lamm für das Brandopfer ausersehen.“ (Gen 22,8) Möglicherweise darf man in moderner Deutung auch vermuten, dass „der Engel“ nicht nur Gottes Stimme war, sondern auch die Stimme des Gewissens dieses Stammvaters Abraham.
 
Für meine Vorstellung von gesundem Gehorsam in Verbindung mit festem Vertrauen auf einen liebenden Gott jedenfalls gilt: Was der Stimme meines Gewissens und der Überprüfung durch meinen Verstand, die beide von Gott stammen, widerstreitet, kann niemals unter dem Vorwand des Gehorsamsgebotes von mir eingefordert werden. Denn das wäre physischer, psychischer oder geistlicher Missbrauch. Solange diese einfache Einsicht nicht überall und von allen glaubwürdig anerkannt wird, kann das Ärgernis des Missbrauchs, das so viele lautstark beklagen, nicht besiegt werden.
 
Gehorsam in Vertrauen ist für unser Zusammenleben auf allen Ebenen eine dringend notwendige Tugend. Aber Widerständigkeit im Extremfall ist ebenso bedeutsam und muss als Selbstschutz eingeübt werden, damit nicht harmlose und gutgläubige menschliche „Opfer“ unwissentlich und unwillentlich zu systemischen Kollaborateuren des Missbrauchs werden.
 
Text: Helmut J. Kirfel
Foto: Manos Meisen