Steinfelder Besonderheiten: Die zwanzig Steinfelder Altäre – Geschichte und Bildprogramm (1): Der Hochaltar von 1683

Kaum ein Besucher, der sie nicht sofort wiedererkennen würde: die aus einer Doppelsäulenarchitektur und anderen entfernt an Triumphbögen erinnernden Architekturelementen bestehende Hochaltarwand mit ihren Sprengbögen, gedrehten Säulen, Kapitellen mit Voluten, verkröpften Friesen und Gesimsen, dazu viel Knorpelwerk – eine riesige Schautafel barocker Sinnlichkeit und zugleich Frömmigkeit, aus heutiger Sicht dagegen eher eine pastoral problematische, aus der Zeit gefallene Beeindruckungsarchitektur mit viel Gold und Himmelblau.
 
Sie umschließt die alte steinerne romanische Altarmensa und – schlimmer noch – verdeckt die Apsis der Basilika mit ihren Wandmalereien, die nun nur noch von außen zu bewundern ist.
 
Im Bildprogramm hat der Künstler, der Laienbruder Michael Pirosson (1645-1724) aus Wehr, die Steinfelder Geschichte in die christliche Heilsgeschichte eingebettet: Scheinbar schwebend über der ganzen Altarwand zieht die Gottesmutter die Blicke auf sich als die in den Himmel aufgenommene und gekrönte Strahlenmadonna mit Kind zur rechten Seite und ein Zepter in der Linken haltend. Die Steinfelder Stiftskirche stand ursprünglich unter dem Marienpatrozinium wie so viele Prämonstratenserkirchen. In ihrer Überlebensgröße besonders beeindruckend flankieren die Statuen des Petrus (mit seinen Schlüsseln) und des Paulus (mit Schwert) das große untere Altarbild. Sie scheinen herauszutreten auf ihren Postamentsockeln, die von Konsolen mit Akanthuszapfen gestützt werden.
Sie werden neben Maria oft als frühe Kopatrone der Kirche bezeichnet, belegt ist dies jedoch nicht. Jedenfalls waren sie hier intendiert als Garanten der Kirchen- und Papsttreue des Steinfelder Stifts. Auf dem Altarauszug finden sich am Gebälkende ganz außen links und rechts der hl. Norbert (mit Monstranz, Patriarchenkreuz und Pallium als Erzbischof von Magdeburg), auf den die Prämonstratenser oder Norbertiner ihre Gemeinschaft zurückführen, sowie der hl. Hermann Josef (mit dem Jesuskind auf dem rechten Arm und einer Lilie in der Linken) als Prämonstratenser, Mystiker, Bekenner, Ortsheiliger.
 
Das obere, kleinere Altarbild umstehen, wie auch darunter Petrus und Paulus eingerahmt von je zwei Säulen, zwei Heilige, über die schon viel Unzutreffendes geschrieben worden ist, obgleich sorgfältige Arbeit an den Quellen keinen Zweifel lässt: Der Heilige links ist in die Dalmatik eines Diakons gewandet, die mit vier fleurs-de-lys (heraldische Lilien) verziert ist. Wie ein Blick auf das Altarbild des Potentinusaltars bestätigt, ist ein in dieser Weise dargestellter Diakon in Steinfeld immer der aus dem heutigen Frankreich stammende hl. Potentinus gemäß der jüngeren, inzwischen offiziell verworfenen Tradition. Dieselbe legendäre Tradition kennt nur zwei Priester: Castor, den Bruder des Potentinus, und Felicius, einen der beiden Abgesandten, die Potentinus in seine zukünftige Bischofsstadt geleiten.
Da das Kopatrozinium etwa ab der Mitte des 13. Jh. auf Potentinus, Felicius und Simplicius als „Martyrer“ übergeht, ist davon auszugehen, dass der mit einer barocken Priesterkasel bekleidete Heilige auf der rechten Seite der hl. Felicius ist. Simplicius als „bloßer“ Laie findet nur äußerst selten eine bildliche Darstellung. In der Gestaltung dieses Altares hat der Künstler die jüngere Potentinus-Legende aus dem 12. Jh. in Reinform rezipiert und sie eingebunden in die kirchliche Aposteltradition, die prämonstratensische Ordensgeschichte und das ursprüngliche Marienpatrozinium.
 
Denen, die – wie der Schreiber dieser Zeilen – ihre Probleme haben mit der Zumutung des Glaubens an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel und ihre himmlische Krönung, sei ein Gedanke des Theologen Stefan Jürgens (2021) ans Herz gelegt: „Mit Leib und Seele heißt mit Geschichte und Identität, nicht mit Haut und Knochen. Marias Lebensgeschichte wird endgültig von Gott gekrönt, so wie auch mein Leben als Christ – als Gesalbter – eines jüngsten Tages für immer und ewig gekrönt werden wird. Maria zeigt: Gott, von dem ich komme und zu dem ich unterwegs bin, setzt meinem Leben die Krone auf.“
 
Text: Helmut J. Kirfel
Foto: Manos Meisen