Steinfelder Spezialitäten: Das "Dornbuschfenster" im Westwerk der Basilika

„Der Dornbusch brannte im Feuer, aber der Dornbusch wurde nicht verzehrt. Mose sagte: Ich will dorthin gehen und mir die außergewöhnliche Erscheinung ansehen. (…) Gott rief ihm mitten aus dem Dornbusch zu (…): Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden. Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.“
 
Auf diese Szene aus dem Alten Testament (Ex 3,1-6) spielt die 1995 vollendete Gestaltung des Rosettenfensters, auch "Dornbuschfenster" genannt, im Westwerk an, die wir wie das Kunstwerk auf der Westwerktür von 1992 dem Bonner Künstler Helmut Moos (1931-2017) verdanken. Das Maßwerk der Rosette lässt die Dornen erkennen, die für den Dornbusch stehen, und unten links in das Maßwerk eingearbeitet sind die abgelegten Sandalen des Mose zu sehen, die ebenfalls die ganze Person repräsentieren. Bei Sonnenschein und günstigem Sonnenstand erstrahlt das Innere der Vorhalle in den Feuerfarben der Glaskunst: Farben und Feuer, die nichts verbrennen, sondern auf die Anwesenheit Gottes selbst hindeuten.
 
Wer die spannende Geschichte des Volkes Israel weiter liest, erfährt, dass das Feuer und die Wolke zum Ausdruck der Verborgenheit Gottes dienen: Gott führt sein Volk tagsüber verborgen in der Wolkensäule, nachts in der Feuersäule der Blitze, verhüllt und nicht sichtbar, aber fürsorglich, liebevoll und immer anwesend. Manchmal tritt er in Krisensituationen sogar in einer besonderen Weise hervor und kündigt sein Eingreifen an: „Da erschien plötzlich in der Wolke die Herrlichkeit des Herrn. Der Herr sprach zu Mose: (…) Ihr werdet erkennen, dass ich der Herr, euer Gott, bin.“ (Ex 16,10-11).
 
Das ist die „Herrlichkeit“ (die Griechen übersetzten mit doxa, die Lateiner mit gloria), die wir im Gloria besingen, also weniger die Ehre, die wir Gott schulden, sondern vielmehr die unbeschreibliche Herrlichkeit, in der Gott sich seinem Volk in besonderen Situationen „enthüllt“. Hier liegt der gedankliche Anknüpfungspunkt an die Aussagen des von Moos drei Jahre vorher geschaffenen bronzenen Vorsatzes der Westwerkmitteltür. Daher bilden Rosette und Tür, sich wechselweise ergänzend, eine gelungene spirituelle Einheit.
„Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, der Gott Israels, der Heiland.“ (Jes 45,15)
 
Text: Helmut J. Kirfel
Fotos: (3) Helmut J. Kirfel; (1) GdG-Steinfeld