Steinfelder Besonderheiten: Ein neuer Blick auf alte Kunst - Das Steinfelder Chorgestühl (2)

Gegenüber der vor- und nichtchristlichen Symbolik sind christliche Themen im Steinfelder Chorgestühl von 1480 deutlich prominenter platziert. Kleine Meisterwerke religiöser Schnitzerei personifizieren Sünden und Schwächen menschlichen Verhaltens, zeigen auf diese Weise die Versuchungen des Menschen und seine Verstrickung in das ambivalente Geschehen der Welt. In der Tradition christlicher Tugendlehre stellen diese Kunstwerke gleichzeitig eine Mahnung in Bildersprache dar: Verhalte dich nicht so, sondern tue das Gegenteil, dann handelst du recht!
 
Die hier ausgewählten vier Beispiele beziehen sich auf ganz unterschiedliche Personengruppen: Männer und Frauen, Verheiratete und Zölibatäre.
 
Eine Miserikordienschnitzerei zeigt, was man „Szene einer Ehe“ nennen könnte: In einer Art häuslichen Ehestreits ballt der Mann aufgebracht und zornig seine Fäuste. Die Frau, mit der Linken ihr Schleppenkleid raffend, legt dem Wüterich beschwichtigend und begütigend die rechte Hand auf die Schulter. Verkörpert der Mann hier die Todsünde des Zornes (ira), so ist die Frau das tugendhafte Abbild der Sanftmut. Die Tugend erweist sich gleichzeitig als Klugheit.
 
Als ganz und gar nicht klug dagegen erscheint die auf einer Trennwand zwischen zwei Stallen zu sehende weibliche Person, die mit einer Handsäge ihr eigenes Bein ansägt. Ein so einfältiges Verhalten personifiziert die Dummheit (stultitia), die Tür und Tor für Schlimmeres öffnet.
 
Auf einer anderen Armlehne begegnet uns ein Mann, der mit übereinander geschlagenen Beinen in einem Korb voller Eier Platz genommen hat. Die Gesten seiner Hände, die Haltung seines Kopfes und auch sein Gesichtsausdruck zeugen unverkennbar von der Müdigkeit und Erschöpfung, die er empfindet. Ohne Rücksicht auf den Schaden, den er möglicherweise anrichtet, wird er so zum Sinnbild der Todsünde der teilnahmslosen Trägheit und Faulheit (acedia).
 
Das vierte Beispiel zeigt einen Bienenkorb, der offenbar seines süßen Inhalts beraubt wurde, und zwar durch den, der anschließend in diesen Korb geklettert ist und ihn nun als eine Art Predigtstuhl zu benutzen scheint: ein cleverer Fuchs, verkleidet mit einer Mönchskutte oder einem anderen geistlichen Gewand. In der Attitüde eines Kanzelredners predigt er drei „dummen Gänsen“ oder Enten, vermutlich in honigtriefenden Worten. Jedenfalls lauschen diese ihm voller Einfalt und Andacht, ohne zu bemerken, dass der durchtriebene Fuchs bereits eine der Ihren erlegt in seiner Kapuze stecken hat: Auch der Diener Gottes ist nicht gefeit gegen die Sünde der Heuchelei (hypocrisis), die er hier verkörpert und die ihn zum Fuchs werden lässt. Eine Warnung nicht ganz ohne (Selbst-)Ironie!
Auch wenn die künstlerische Qualität, verglichen mit den großen Gestühlen wie etwa dem ca. 100 Jahre älteren des Kölner Doms, eher bescheiden sein dürfte, so handelt es sich doch um eine fantasievolle und handwerklich solide Arbeit. Sogar die Maserung des Holzes wird geschickt genutzt als künstlerisches Mittel der Gestaltung. So gewinnen die einzelnen Figuren Individualität, Ausdruckskraft und eine eigenwillige Schönheit.
 
„WAS IMMER WAHRHAFT, EDEL, RECHT, WAS LAUTER, LIEBENSWERT, ANSPRECHEND IST, WAS TUGEND HEIßT UND LOBENSWERT IST, DARAUF SEID BEDACHT.“ (PHIL 4,8)
 
Text: H. J. Kirfel
Fotos: Dr. Chr. Tegeler