Steinfelder Spezialitäten: "Chor der Heiligen"

Außerhalb des Weihnachts- und Osterfestkreises ist im Zentrum des Steinfelder Hochaltars ein Gemälde zu sehen, das den modernen Betrachter eher verwirrt. Deutlich ist ein oberer Teil von einem unteren zu unterscheiden. Der obere kann noch einmal unterteilt werden in drei in der Mitte des Bildes spitz zulaufende Dreiecksfelder. Im mittleren erkennt man, dominant in der Gesamtkomposition, den geflügelten Erzengel Michael auf einer Wolke mit Flammenschwert in der Rechten und einer Waage in der Linken. Flankiert von mehreren weiteren Engeln, steht er im hellen, von oben herabscheinenden göttlichen Licht. Im linken Drittel sind nur männliche Gestalten zu sehen, angeführt in der ersten Reihe von Petrus mit dem Schlüssel in der Hand, daneben Paulus, seine Linke auf sein Attribut, das Schwert, stützend, sowie Andreas mit dem wie ein X aussehenden Andreaskreuz. Die heiligen Martyrerapostel sitzen im Kreis der Apostel und Jünger Christi in Gottes Gegenwart. Im rechten Drittel findet sich das weibliche Pendant, aber weniger individualisiert dargestellt: Eine mit Schleier verhüllte Nonne empfängt beim Eintritt in diesen Himmel zwei gekreuzte Pfeile als Symbol ihres Martyriums, eine andere, adlige Ordensfrau mit Krone auf ihrem verschleierten Haupt hält das Modell einer großen Kirche in ihrer Rechten, als deren Stifterin sie sich dadurch erweist. Aber auch unverschleierte Frauen finden sich in der Schar, eine mit einem Salbgefäß in der Linken, vielleicht ein Hinweis auf Maria von Magdala.
 
Die untere Bildhälfte ist gefüllt mit einer Schar von ebenfalls im Ruf der Heiligkeit Verstorbenen, die ausweislich ihrer Blickrichtung ebenfalls schon „den Himmel schauen“ dürfen. Die meisten von ihnen sind durch ihre Kleidung und Attribute identifizierbar: im Vordergrund zur Linken Norbert von Xanten mit Brustkreuz und Pallium als Erzbischof von Magdeburg, ihm gegenüber ebenfalls im weißen Habit der Prämonstratenser Hermann Josef von Steinfeld mit der Lilie in der Linken; darunter am unteren Bildrand eine Dreiergruppe in Goldbrokatgewändern mit einer Tiara als Attribut der Päpste; am linken Bildrand, bekleidet mit der Dalmatik des Diakons, blau und mit französischen Lilien bestickt, der Potentinus der jüngeren Tradition; darüber, die zweite Reihe eröffnend, ein mit Mitra und Chormantel bekleideter Bischof; der enge Bildbezug zu Norbert legt die Vermutung nahe, dass es sich hier um Augustinus als Bischof von Hippo handeln könnte; in der Mitte dieser Reihe ein Kreuzträger im weißen Habit, der Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairveaux, der Gründer der Zisterzienser; in unmittelbarer Nähe zu ihm, aber in der schwarzen Kukulle (Obergewand) und mit einem Abtsstab möglicherweise der hl. Benedikt von Nursia; zwischen diesen beiden in der dritten Reihe eine tonsurierte Figur mit schwarzem Chormantel und darunter am Hals hervorlugendem weißen Habit, Dominikus, der Gründer des Predigerordens; der im braunen Habit gewandete Träger des Totenschädels, der vor dem Kreuz Bernhards sichtbar ist, wird durch dieses Attribut als Bruno von Köln ausgewiesen, der Gründer der Kartäuser.
 
Zu der „benediktinischen Gruppe“ würde als nächster Heiliger der mit einer Krone als Adliger ausgewiesene Gründer der sogenannten „weißen Benediktiner“ (Olivetaner) passen, der hl. Abt Bernhard Tolomei, der 1634, also erst kurze Zeit vor der Entstehung dieses Gemäldes, zur Ehre der Altäre erhoben worden war. Mit einem brennenden Herzen oder einem leuchtenden Christusmonogramm „IHS“ auf der Brust wird Ignatius von Loyola, der Gründer der Jesuiten, oft dargestellt, der als vorletzter in der Reihe rechts folgt. Daneben sind am rechten Bildrand noch ein heiliger Priester mit Stola und „Siegespalme“ und ein Papst mit Tiara und Ferula (Stab mit Kreuz statt Krümme) auszumachen; sie können mangels spezieller Attribute nicht eindeutig zugeordnet werden.
So soll dieses um 1700 entstandene Gemälde eines unbekannten Malers dem Gläubigen, besonders dem Ordenschristen, einen Vorgeschmack geben auf die himmlische Herrlichkeit, die all denen als Belohnung geschenkt wird, die ihr Leben ohne Vorbehalt Gott weihen.
 
„IHR ABER SOLLT EURE FEINDE LIEBEN UND SOLLT GUTES TUN (…). DANN WIRD EUER LOHN GROß SEIN, UND IHR WERDET SÖHNE DES HÖCHSTEN SEIN.“ (LK 6,35)
 
Text: Helmut J. Kirfel
Foto: Manos Meisen