Eine Steinfelder Altartafel aus dem 16. Jahrhundert – ein Überraschungsfund wie in einem Kriminalroman


Als im Rahmen der letzten großen Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten in der Basilika Steinfeld eine der letzten Maßnahmen anstand und 1935/36 die beiden westlichen Seitenaltäre auseinandergebaut wurden, machten die Arbeiter im nördlichen, dem Auferstehungsaltar, eine überraschende Entdeckung. Auf der Rückseite der Altartafel mit der Darstellung der Auferstehungsszene wurde eine zu Zwecken der Stabilisierung hinterlegte Holztafel freigelegt, die sich bei genauerer Betrachtung als ein bislang unbekanntes Altarblatt erwies, und zwar wie die Auferstehungsdarstellung selbst ebenfalls aus der Mitte des 16. Jahrhunderts stammend.

Dieses Gemälde ist in der Mitte unserer Collage zu sehen. Auf einer Eichenholztafel, die 1,375 m x 0,75 m misst, sieht man zwei Bildfelder. Das obere zeigt drei Apostel: Petrus (mit Schlüssel), Mathias (mit Buch und Axt) und Andreas (mit „Andreaskreuz“). Der goldene Nimbus hinter jedem ihrer Häupter weist sie als Heilige aus. Im unteren Bildfeld (ohne Namensbeschriftung) stehen zwei jedem Steinfeldfreund wohlbekannte Heilige: links der hl. Potentinus als Diakon (gemäß der jüngeren Tradition) mit den französischen Lilien auf seiner Dalmatik, drei „Märtyrerpfeilen“ in der Linken und ein aufgeschlagenes Buch in der Rechten; rechts der hl. Hermann Josef von Steinfeld in Prämonstratenserhabit und -chorkleidung mit seinen klassischen, vorbarocken Attributen, dem Buch in der linken Hand und dem Priesterkelch, aus dem drei „mystische Rosen“ hervorschauen, in der rechten.
 
Die Bogenarchitektur, in der die beiden, einander zugewandt, stehen, ist ein typisches Element der Renaissance. Unter gleichzeitiger Berücksichtigung anderer, eher „rückwärts gewandter“ kompositorischer Elemente und der insgesamt bescheidenen malerischen Qualität sind Kunsthistoriker zu dem Schluss gelangt, dass hier ein lokaler Maler unter Verwendung lokaler Anregungen am Werk gewesen sein muss, und dies nicht vor der Mitte des 16. Jahrhunderts. Vorbilder für seine Motive dürfte er in Steinfeld genügend gefunden haben: so für Hermann Josef die etwa 50 Jahre vorher entstandene, wohlbekannte Skulptur am Pfeiler (rechts unten in der Collage), die bis heute stilbildend geblieben ist (siehe die moderne Skulptur oben rechts aus dem Kloster Marienborn in Zülpich-Hoven); für Potentinus die Darstellung auf dem aus der gleichen Zeit stammenden Altarblatt, das heute den Potentinusaltar schmückt (oben links). Auch diese sollte für die Zeit bis etwa 1900 stilbildend sein, wie beispielsweise die Skulptur aus dem Hochaltar (um 1700) zeigt (unten links).
 
Die 1994 durch Lutz Sankowsky (Bonn) grundlegend restaurierte Tafel ist weniger für die Kunstgeschichte als für die Frömmigkeitsgeschichte bedeutsam, beweist sie doch mit malerischen Mitteln (durch den Nimbus und die Figurenkonstellation gemeinsam mit den drei großen „Apostelmärtyrern“) Hermann Josefs Verehrung als Heiliger lange vor jeder Bemühung um Heiligsprechung. Eine noch ältere Altartafel, die des sogenannten „Meisters der Lyversbergschen Passion“ aus dem Jahr 1468, ebenfalls mit der Darstellung des Hermann Josef mit Heiligenschein, ist leider 1945 in Berlin den Flammen zum Opfer gefallen.
 
Unsere Altartafel aus dem Steinfelder Museum wird neben unserer gotischen Monstranz bei der großen Ausstellung „900 Jahre Prämonstratenser“ im Herbst in Magdeburg präsentiert werden.
 
Text: Helmut J. Kirfel
Fotos: Manos Meisen
außer oben rechts: CC-Lizenz 4.0 International (Joachim Schäfer – www.heiligenlexikon.de)