Steinfelder Sepzialitäten: Die Installation an der Vorderseite des Vierungsaltars

Nähert man sich dem Vierungsaltar der Basilika Steinfeld durch den Mittelschiffgang, so erkennt man auf seiner Vorderseite schon aus größerer Distanz die Form eines Kreuzes, das drei Figuren gleichzeitig zu durchdringen und zu verbinden scheint. Aus größerer Nähe kann man die drei Figuren genauer erkennen, von denen die mittlere ausweislich der Stichwunde in der rechten Brustseite den mit der Passion Vertrauten an Jesus am Kreuz denken lässt. Da zu seiner Rechten deutlich eine weibliche und zur Linken eine männliche Person auszumachen sind, dürfte die erste Assoziation bei diesem Triptychon die Golgatha-Szene sein: unter dem Kreuz Maria als Mutter zur Rechten Jesu und sein Lieblingsjünger Johannes zur Linken. Und in der Tat wäre dies die Deutung einer sehr angemessenen Gestaltung der Altarfront, steht der Altar doch für Christus, an dessen wirkliche Gegenwart in der Eucharistie wir glauben. Die Eucharistie wiederum verbindet den Charakter des Mahls mit dem des (nun unblutigen) Kreuzesopfers auf diesem Altar.

Tritt man nun bei genügend starkem Lichteinfall noch näher, so entdeckt der Betrachtende, dass die Christusfigur durch zwei vertikale Spalten in drei Teile geteilt ist. Dabei ist das Gesicht besonders markant: Ein Kopf (mit zwei Augen) scheint aus drei Gesichtern zu bestehen, wobei das linke und das rechte in spiegelsymmetrischer Seitenansicht nur je ein Auge aufweisen, alle drei zum Verwechseln ähnliche Mundpartien haben und sich mit den gleichgeformten Nasen berühren. Dies dürfte ein sehr ungewöhnlicher Versuch des Künstlers sein, das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes des christlichen Glaubens ins Bild zu bringen, aber es ist theologisch sehr wohl reflektiert: „Gott als die Drei, zusammen betrachtet.“ (Gregor von Nazianz) - Oder in den Worten moderner Theologie: Der eine Gott kann nicht als ein „Seinsblock“ (Schmaus) existieren, vielmehr lebt und liebt er in den wechselseitigen Beziehungen (Relationen) von Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Dem aufmerksamen Betrachter bietet sich eine weitere Überraschung: an der oberen südlichen Ecke dieses „Antependiums“ eine „9“, an der gegenüberliegenden Ecke eine „27“. Man hat darin schon einen möglichen Hinweis auf unsere eher von Zahlen und Geld als von Glauben und Liebe geprägte Welt sehen wollen. Aber vielleicht ist auch eine etwas tiefer schürfende Deutung erlaubt: Der Altar zusammen mit dem Ambo stehen für die Verkündigung von Gottes Wort, die Erlösungstat und die Weisung, in denen Er sich den Menschen geoffenbart hat. Dieser nur im Glauben aufzunehmenden Offenbarung steht dem Menschen als zweite Quelle der Erkenntnis der Verstand, die rationale Erkenntnis, die Wissenschaft gegenüber. Gerade an die Naturwissenschaften mit ihrer „Hilfswissenschaft“, der Mathematik, lassen mich diese Zahlen denken. Entwickelt aus der „heiligen“ Zahl 3 (Dreifaltigkeit, drei abgebildete Personen, Altar aus drei im Grundriss je dreieckigen Sandsteinblöcken), erweisen sich die 9 als deren zweite Potenz (3 x 3) und die 27 als die dritte (3 x 3 x 3). Ein weites Feld ist der Betrachtung geöffnet: Offenbarung (Glaube) und Wissenschaft (Vernunft), lange oft als Gegensätze gedacht, müssten zusammengebracht werden können, denn sie stammen beide von unserem Schöpfer. Daher kann das eine dem anderen nicht wirklich widersprechen. Sie sollten einander korrigieren und sich wechselseitig ergänzen.

Mit der Bereitschaft, einen positiven und unvoreingenommenen Zugang zuzulassen, und mit der Offenheit für mögliche Deutungen hat der Betrachter die Chance, moderne Kunst als Anregung für wiedererkennende und neuenthüllende Reflexion und Kontemplation zu entdecken.

Wir verdanken dieses Kunstwerk einem wegen seines frühen Todes nicht sehr bekannten Graphiker und Designer, Heinz-Josef Olbertz (*15.7.1960 V 24.6.1997) aus Aachen, der sein Konzept hinsichtlich des 1992 von ihm gewählten Materials selbst kommentiert: „Der oxidierte, gewöhnliche Stahl stellt dem ‚edlen‘ Gold (Blattvergoldung auf mit Gips gefaßtem Holz) des Barockhochaltares, ‚unedles‘, ehrliches Material entgegen und ermöglicht so eine Gestaltung aus heutiger Zeit, die der bisherigen Ausstattung der Steinfelder Basilika ein zeitgemäßes, weniger prunkvolles Gegengewicht liefert durch ein Material, das nicht vorgibt, mehr zu sein als es ist, und damit das vorhandene, kunstgeschichtliche Ensemble aktuell fortführt.“

Text: Helmut J. Kirfel

Fotos: GdG-Steinfeld