Der heilige Potentinus und seine Gefährten, Patrone der Steinfelder Basilika (2) - gleichzeitig: Die Steinfelder Altäre (5)

Wir schreiben etwa das Jahr 1160, kurze Zeit später dürfte Hermann von Köln, der spätere Hermann Josef, in das Steinfelder Stift eingetreten sein, das zu dieser Zeit von Propst Ulrich (+ 1170) geleitet wird. Aus Studientagen kennt dieser den Benediktiner Egbert von Schönau (+ 1184), dessen Schwester Elisabeth (+ 18. Juni 1164) über die Rheinlande hinaus als „Seherin“ bekannt ist. Vielleicht weiß sie – oder ihr „Medium“, ein Engel – mehr als bislang bekannt über den hl. Potentinus und seine Söhne! Propst Ulrich wird nicht müde, Egbert zu bedrängen: Bitte Deine Schwester, uns den Dienst zu erweisen, durch ihre Fähigkeiten mehr über unseren Patron Potentinus in Erfahrung zu bringen! – Nach mehreren Versuchen des Bruders gibt Elisabeth nach, allerdings ohne das bisher Bekannte über Potentinus mitgeteilt bekommen zu haben. Daher kann das Absonderliche des Ergebnisses nicht sehr verwundern: Aus den „Visionen“ der Elisabeth von Schönau, erhalten in einem Brief Egberts an Propst Ulrich, entsteht das Bild eines ganz neuen Potentinus:
Sohn eines grausamen, ungläubigen „Königs“ in der Nähe von Paris, verkehrt der junge Potentinus viel in christlichen Häusern, lernt dort die Lehren des Evangeliums kennen und lieben und lässt sich – gegen den Willen der Eltern – mit 15 Jahren taufen. Dem Rückzug aus dem Elternhaus folgt die Niederlassung eine Tagesreise von Paris entfernt. Der Ruf seiner frühen religiösen Gelehrtheit und seines tugendhaften Lebens zieht viele Menschen an. Potentinus soll auch nun schon Wunder gewirkt haben.
 
Die damals üblichen Stufen der kirchlichen Weihen durchläuft er bald und wird zum Diakon geweiht. Mit 30 Jahren schon wird er – noch als Diakon – zum Bischof erwählt. Auf seiner Reise zur Bischofsweihe im späteren Deutschland wird er begleitet von seinem Bruder Castor, der schon Priester ist, und seiner Schwester Castrina, die ebenfalls ein gottgeweihtes Leben führt.
 
Noch mehr als der Vater erfüllt mit Hass gegen alles Christliche, nimmt dessen Bruder die Verfolgung der Reisenden auf, überfällt sie schließlich und tötet nicht nur die Mitglieder seiner Familie: in besonders grausamer Weise mit Schwert und zahlreichen Pfeilen den Potentinus, dann dessen beide Geschwister Castor (auf dem Gemälde im Hintergrund) und Castrina (neben Potentinus kniend) sowie zwei der aus der Bischofsstadt stammenden Begleiter, deren abgetrennte Häupter unten links zu sehen sind, Felicius, einen Priester mit Tonsur, und Simplicius, einen bärtigen Laien. Die übrigen entkommen, um später zurückzukehren und die fünf Mordopfer und Märtyrer (im Bild erkennbar am Strahlenkranz) bei Karden/Mosel beizusetzen.
 
Fazit: Ganz im Stil des 12. Jh. erfährt diese Heiligenlegende eine konsequente Klerikalisierung: Fast alle Opfer sind Priester, Diakon (eigentlich Bischof-Elekt) oder gottgeweihte Jungfrau. Außerdem reicht das Leben als frommer Einsiedler offenbar nicht mehr aus zur Heiligkeit, hier erleiden alle das Martyrium, den grausamen Tod des Glaubens wegen. Für zusätzliche Dramatisierung sorgt das hohe moralische Gefälle zwischen den heidnischen Meuchelmördern aus der eigenen Familie und den drei neuen Märtyrersternen aus der jungen, „neuen“ Generation am leuchtenden Heiligenhimmel.
 
So zeigt unser Barockaltar in einer Renaissancemalerei die aus dem 12. Jh. stammende Neufassung eines erstmals im 10./11. Jh. überlieferten Heiligenlebens, das im 4. Jh. (nach der jüngeren Fassung gar im 3. Jh.) stattgefunden haben soll – oder auch nur eine fromme Legende ist.
 
Fast 750 Jahre lang ist es – nicht nur in Steinfeld – „gelungen“, diese beiden unvereinbaren Heiligenlegenden des verheirateten Vaters zweier Söhne und frommen Einsiedlers ohne Weihe einerseits und der auf diesem Altarblatt dargestellten Geschichte von Mord und Martyrium andererseits irgendwie in einer Person zu vereinbaren. Erst 1908 hat Rom die Märtyrertradition verworfen zugunsten der älteren, ursprünglichen, weniger spektakulären.
 
Text: Helmut J. Kirfel
Foto: Manos Meisen